singing dunes, Altyn-Emel national park, Kazakhstan

Singende Dünen und strahlende Quellen: Unterwegs im Altyn-Emel Nationalpark

Ich gestikuliere eine Lenkrad-Bewegung, zeige auf die Straße vor der Ranger-Station, frage: „Karascho?“ — Die Rangerin gibt den Daumen hoch: „Narmalna.“ Die Piste, vor der ich in Almaty gewarnt wurde, scheint also fahrbar zu sein. Ich halte in Basshi, dem letzten Dorf vor dem Altyn-Emel Nationalpark, um meinen Eintritt zu bezahlen. Es ist das lange Osterwochenende, aber trotzdem scheint nicht viel los zu sein in dem beliebten Wochenendziel für Städter aus Kasachstans größter Metropole.

entrance to Altyn-Emel national park, Kazakhstan
Beliebtes Ausflugziel von Almaty aus: Der Altyn-Emel Nationalpark

Ostern? Kasachstan? Von vorne: Die Copilotinnen und ich haben uns entschlossen, nach dem plötzlichen Abbruch im letzten Jahr diesen Sommer einen erneuten Angriff aufs Pamir-Gebirge zu unternehmen. Davor müssen noch ein paar Reparaturen am Honda erledigt werden, und das Auto nach Osh in Kirgistan gefahren, von wo aus wir gemeinsam unsere Reise starten werden. Ich bin über Ostern für zwei Wochen nach Kasachstan geflogen, um Reparaturen und Überführung schon mal zu erledigen (Und, ganz ehrlich: Mir ist Almaty letzen Sommer auch etwas ans Herz gewachsen, und ich freue mich, ein paar Tage in der Stadt zu verbringen).

campsite, Altyn-Emel national park, Kazakhstan
Ancampen auf kasachisch: Im April sind die Temperaturen in der Steppe angenehm mild.

Sergey, mein kasachischer Lieblingsmechaniker, hatte neue Antriebswellen und diversen Kleinkram, den ich in meinem schweren Rucksack eingeflogen hatte, fix eingebaut. Das lange Osterwochenende nutze ich also zum Ancampen und für eine ausgiebige Testfahrt. Das Wetter ist frühlingshaft mild, weit entfernt von den annähernd 40 Grad, die es hier letzes Jahr im Spätsommer hatte — und den -30, die es hier im Winter kalt werden kann. Nach knapp vier Stunden Autofahrt (für kasachische Verhältnisse ist das „um die Ecke“) stehe ich nun also vor den Toren des Altyn-Emel Nationalparks. Der verspricht eine ganze Reihe sehenswerter Landschaftsformen auf kleinstem Raum: Bunte Sediment- und Vulkanstein-Formationen, viel weite Steppe und sogar ein kleines Stück Sandwüste. Man gab mir noch mit auf den Weg, mich vor fiesem Wellblech und tiefen Auswaschungen in Acht zu nehmen. — Eigentlich also die perfekte Feuerprobe für das reparierte Auto, das im Sommer im Pamir noch einiges an schlechten Pisten unter die Räder bekommen wird.

Altyn Emel national park, Kazakhstan
Weites Land: Die kasachische Steppe macht es leicht, zur Ruhe zu kommen.

Im Ranger-Büro habe ich eine Papierkarte mitbekommen, auf der Sehenswürdigkeiten und Camps auf dem Parkgelände eingezeichnet sind. Morgen will ich zu den „singenden Dünen“. Das ist eine Dünenformation, die, wenn der Wind richtig steht, ein Summgeräusch von sich geben soll. Nach einigen gar nicht so fiesen Wellblech-Kilometern rolle ich auf dem ersten Camp ein. Ein Ranger heißt mich willkommen, ich habe als einziger Besucher die freie Platzwahl. Kasachstan wird von Overlandern — meist auf Durchreise — oft als eintönig, flach und langweilig beschrieben. Ich liebe diese Weite. Und die Ruhe: Ein sanfter Wind streicht über das duftende Gestrüpp, ein paar Vögel zwitschern. Sofort geht der Puls runter.

dragon, Altyn-Emel national perk, Kazakhstan
Genießt die Aussicht: Schuppger Dünenbewohner

Der Ranger lässt mich am nächsten Morgen erst um 8 vom Hof in Richtung der Dünen. Die Sonne brät jetzt schon ganz ordentlich, also verliere ich keine Zeit. Angekommen vor den Dünen bin ich wieder alleine. Der Wind hat sich gelegt, die Dünen bleiben still. Trotzdem war es den Abstecher wert: Inmitten von ein paar kleineren Bergen und Steppe liegen die Dünen wie hindrapiert. Ich wandere den Dünenkamm barfuß nach oben. Vor mir huschen putzige Agamen und Eidechsen umher. Die große Düne ist beim Aufstieg höher, als sie von unten wirkt. Uff. Beim zügigen Weg talwärts dann die Überaschung: Der Sand singt auch, wenn man größere Mengen vor sich los tritt.

Katutau rock formation, Altyn-Emel national park, Kazakhstan
War mal ein Vulkan: Bizarre Gesteinsformationen in den Katutau-Bergen

Nun geht es wieder ein Stück zurück in Richtung Parkeingang, dann auf eine ander Piste, in Richtung der Aktau-Berge. Die sind mit ihren bunten Sedimentschichten die bekannteste Attraktion des Parks. Allerdings soll die Straße dort hin gerade bei Nässe eine ziemliche Rutschpartie sein. Auf der Strecke liegt die Katutau-Berg. Der war früher mal ein Vulkan. Heute ist davon noch eine wilde, rote Gesteinsformation übrig. Eine Landschaft, wie im wilden Westen. Fast glaubt man, den Marlboro-Mann husten zu hören.

camp under willow tree, Altyn-Emel national park, Kazakhstan
Campen wie Dschinghis Khan: Der rastete angeblich auch schon mit seiner Armee im Schatten der uralten Riesenweiden.

Es ziehen Regenwolken auf. Ich beschließe, es hier gut sein zu lassen und nicht mehr weiter bis zu den Aktau-Bergen zu fahren. Ich will nicht riskieren, mich auf schmierigen Lehmpisten festzufahren. Schließlich muss ich morgen zum Arbeiten wieder beim schnellen Internet in der Stadt sein. Stattdessen fahre ich noch ein Stück in die entgegengesetzte Richtung zurück, zu einem weiteren ausgewiesenen Camp. Ein alter Herr heißt mich willkommen und zeigt mir das Gelände. Es steht im Schatten von Jahrhunderte alten, riesigen Weiden. Der Legende nach hat bereits Dschingis Khan mit seiner Armee in deren Schatten gerastet. Eine Theorie besagt, dass die Bäume ihr langes Leben vom Radon-haltigen, also leicht radioaktiven Wasser haben, das als kleines Bächlein ihre Wurzeln umfließt. Wenn es für die Bäume gut ist: Ich wasche mir einmal das Gesicht mit dem Quellwasser. Es schmilzt mir nicht vom Kopf. Habe ich jetzt das ewige Leben? Wir werden sehen.

centuries old willow tree, Altyn-Emel national park, Kazakhstan
Ihr langes Leben verdanken die Bäume möglicherweise dem Radon-haltigen Quellwasser.

Der Altyn-Emel Nationalpark

Den Altyn-Emel Nationalpark liegt etwa 260 Kilometer nordöstlich von Almaty. Bis zum Parkeingang geht es über gut ausgebaute Asphaltstraßen. Etwa vier Stunden braucht man vom Stadtzentrum mit dem Auto, Almatys dichten Stadtverkehr mit eingerechnet. Ein Permit für den Park bekommt ihr im Rangerbüro in Basshi, kurz vor dem Parkeingang.

In den Park führen von Basshi aus zwei Hauptrouten: Eine zu den singenden Dünen, die andere führt zur Katutau-Formation und den Aktau-Bergen. Die Route zu den singenden Dünen ist holprig (Wellblech), aber mit dem PKW problemlos machbar und auch bei Regen sollte es keine bösen Überraschungen geben. Die Aktau-Route ist lehmig und führt mehrfach durch kleine (bei meinem Besuch trockene) Flussbetten. Bei Trockenheit unproblematisch, aber bei Regen dürfte es streckenweise schmierig werden.

Im Park darf — ohne weitere Gebühr — in vier ausgewiesenen Camps übernachtet werden: An den Rangerstationen Shygan am Parkeingang, Mymbulak vor den singenden Dünen, unter den alten Weiden und vor den Aktau-Bergen.

Mehr Infos findet ihr auf der Seite des Parks.

Letzter Teil: Hochgebirge im Schnelldurchlauf: Der hohe Pamir


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