Dushanbe art installation

Hoffen und Bangen in Dushanbe, Teil 2

Nachdem wir am Iskanderkul strandeten, erwartet uns ein Abenteuer, mit dem wir überhaupt nicht gerechnet haben: Hoffen und Bangen um unser Fahrzeug, ein emotionales Auf und Ab in einer Stadt, die sich uns von ihren schönen, absurden und warmherzigen Seiten zeigt. Den ersten Teil lest ihr hier.

Freitag: Plan B

Wir sitzen im Hotelzimmer und überlegen. Eigentlich wollten wir jetzt schon mitten in den Pamir-Bergen sein. Der Honda steht in der Werkstatt und wird — im besten Fall — in ein paar Tagen fertig. Uns bleiben noch zwei Wochen, bis die Copilotinnen in Osh, der Stadt in Kirgistan auf der anderen Seite des Pamir-Gebirges, ihren Flieger nach Hause erwischen müssen, so will es die deutsche Schulpflicht. Bis Osh sind es 1.300 Kilometer, über, nach allem, was wir gehört und gelesen haben, teilweise sehr schlechte Pisten, auf denen man nur mühsam vorwärts kommt. Eigentlich reisen wir doch am liebsten langsam. Bleiben, wo es uns gefällt, spontan, gerne auch mal einen Tag länger. Dazu kommt, dass wir in Höhen vorstoßen wollen, die wir bisher nicht kennen. Wir wissen nicht, wie unsere Körper darauf reagieren werden. Möglicherweise werden wir uns erst langsam akklimatisieren müssen. Wir wollen das Gebirge ja in seiner vollen Schönheit ohne Kopfweh genießen. Das alles jetzt im Schnelldurchlauf: Muss das sein?

Wir treffen eine schwere, aber richtige Entscheidung: Wir brechen das gemeinsame Projekt Pamir Highway für dieses Jahr ab. Wir haben uns so darauf gefreut. Doch, oder gerade deshalb: Wenn wir da jetzt durch hetzen, wird das am Ende doch mehr Frust als ein Erlebnis, das wir genießen.

Wir werfen die Flugsuche an und finden eine Plan B: Die Copilotinnen fliegen erst mal nach Istanbul und machen sich am Bosporus noch ein paar schöne Tage, bevor es zurück nach Berlin geht. Ich warte hier auf das (hoffentlich) reparierte Auto und fahre es zum Einlagern nach Almaty in Kasachstan. Wenn irgendwie noch genug Zeit bleibt, fahre ich über den Pamir Highway; wenn nicht, im Flachland drum herum. Im kommenden Jahr gehen wir Zentralasien erneut als Familie an. Auch wenn wir uns die Reise ganz anders vorgestellt haben: Wenn etwas in der Fremde nicht nach Plan läuft, ist das im Moment blöd. Nur hinterher merkt man fast immer: Man hat die Fremde aus einem ganz anderen Blickwinkel kennen gelernt. Einblicke bekommen, die einem sonst verborgen geblieben wären. Die tadschikische Gastfreundschaft und vor allem die Hilfsbereitschaft haben uns schon jetzt tief beeindruckt.

Tajik beer
Uff. Darauf ein Yak-Bier (Foto: Julia Schoon)

Für uns steht noch tadschikische Bürokratie an: Tadschikistan will von uns eine Hotel-Anmeldung haben, da wir uns länger als 10 Tage im Land aufhalten. Das ist in allen Stans üblich. In den anderen Ländern kann man das Prozedere jedoch einfach von einem Hotel erledigen lassen. In Tadschikistan ist es etwas kompizerter: Man braucht einen Schrieb vom Hotel, den man persönlich bei der Migrationsbehörde einreicht. Dort bekommt man einen weiteren Schrieb, den man wiederum bei der Ausreise vorlegt (*). Zudem braucht es für die teilautonome Region Gorno-Badachschan, in der das Pamir-Plateau liegt, ein spezielles Permit, auch auf der Migrationsbehörde zu beantragen. Mit etwas Überredung (vielleicht hat auch der Charme der jungen Copilotin beigetragen) überzeugen wir den strengen Beamten, uns die Dokumente noch heute auszustellen.

GBAO-Permit, das den Zugang in die Pamir-Region erlaubt

Sonntag: Rummel und Reisegarn

Wir haben uns zwischenzeitlich umquartiert, vom Hotel in ein beliebtes Guesthouse. Es ist eines dieser Wasserlöcher für unterschiedlichste Reisende: Junge Backpacker geben sich mit vom Wetter und den Pisten der Welt gegerbten Motorrad-Globetrottern die Klinke in die Hand. Fahrrad-Langzeitreisende erholen sich von den Strapazen der 4000er Pässe. Neuankömmlinge stimmen sich auf das neue Land ein. Eine bunte Truppe, abends fließt im Innenhof des Altbaus das Bier. Es werden Reisegeschichten erzählt, man lässt einander teilhaben, tauscht Informationen und Inspirationen aus. Das ist eine Sache, die ich auf solchen Reisen besonders genieße: Nirgends bekommt man so viele Idenn fürs Reisen, als auf Reisen.

In der Hostellobby hängen Aushänge „Pamir Tour: Dushanbe – Osh: 9 days“. Na, wer’s mag. Aber auch ermutigend, dass es zumindest technisch machbar ist. Vielleicht schaffe ich es ja doch noch, mir die hohen Berge zumindest kurz anzusehen?

Irgendwann kommt Anars lange ersehnte Sprachnachricht: „Wir haben das Auto vom Karosseriebauer zurück. Die Jungs haben gestern [Samstag!] bis spät in die Nacht gearbeit. Wir bauen gerade die Kardanwelle ein. Du kannst heute noch das Auto abholen.“

Gesagt, getan. Unter dem Auto erkenne ich erst beim genauen Hinsehen: Die haben einfach mal eine komplette Achsaufnahme aus neuen Blechen rekonstruiert. Ich bin kein Mechaniker, aber das sieht aus, als würde es was aushalten. Anar ist selbst nicht da heute, aber er bittet mich per Sprachnachricht, das Auto ausführlich Probe zu fahren. Nun denn: Es fährt, es lenkt, und: Nichts schlägt oder klappert. Ich bedanke mich bei Anars Mitarbeitern und fahre zufrieden Richtung Hostel.

Car scooter, Dushanbe
Gibt dir den Rest: Wem Dushanbes Straßenverkehr nicht wild genug ist, kommt beim Autoscooter auf seine Kosten (Foto: Julia Schoon)

Unsere gemeinsame Zeit in Tadschikistan neigt sich dem Ende zu. Am Abend machen wir eine weitere Probefahrt ans Ende der Stadt, an dem wir auf der Karte einen Rummel an einem See entdeckt haben. Eine Fahrt durch Dushanbe bei Dunkelheit ist nicht nur wegen des verrückten Verkehrs ein Erlebnis: Die Prachtmeilen sind mit Millionen bunter, blinkender, flackernder LEDs geschmückt. Las Vegas an der Seidenstraße.

Der Rummel scheint eine Dauerinstallation zu sein. Es ist alles da: Fahrgeschäfte, Schießstände, Zuckerwatte, Teenager im Hormon-Turbo. Vielleicht ist die Fahrgeschäfts-Musik ein wenig weniger nervtötend, als zu Hause. Beim Autoscooter fahre ich eine Runde mit, die weiteren Runden überlasse ich den Copilotinnen. Nach Dushanbes Verkehr ist mein Bedarf nach Gerempel erst mal gedeckt. Aber jetzt sag noch einer, wir hätten Dushanbe nicht von allen Seiten gesehen!

Dienstag: Abfahrt, Abflug

Convenience store, Dushanbe
Letzte Besorgungen, dann geht es los auf die letzte Etappe der diesjährigen Reise (Foto: Julia Schoon)

Früh morgens eine schlaftrunkene Verabschiedung am Flughafen, der (für uns) glücklicherweise mitten in der Stadt liegt. Hoffentlich haben die beiden Copilotinnen in Istanbul noch eine schöne Zeit. Ich packe im Guesthouse noch den letzten Kram ins Auto und fahre vom Hof. Kurs: Afghanische Grenze!

(*) Anm, ein Jahr später: Diesmal sind wir schlauer und besorgen uns im Voraus ein e-Visum. EU-Bürger brauchen eigentlich keins. Jedoch verlangt Tadschikistan, warum auch immer, diese Hotelanmeldung nur von Touristen, die visumsfrei einreisen.

Letzter Teil: Hoffen und Bangen in Dushanbe, Teil 1


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