Nachdem wir am Iskanderkul strandeten, erwartet uns ein Abenteuer, mit dem wir überhaupt nicht gerechnet haben: Hoffen und Bangen um unser Fahrzeug, ein emotionales Auf und Ab in einer Stadt, die sich uns von ihren schönen, absurden und warmherzigen Seiten zeigt.
Eine Chronik der Ereignisse:
Sonntag: Ankommen in der Hauptstadt
Mit vorsichtigen 60 Sachen cruisen wir Dushanbe entgegen. Die Strecke von Norden in die Hauptstadt verläuft zum Teil in engen Kurven durch einen Canyon. Später durch eine Reihe von Tunneln. Die Herausforderung: Draußen scheint gleißend hell die Sonne, innen sind die Tunnel komplett unbeleuchtet, und, je nach Länge, ziemlich rauchverhangen. Sprich, beim Einfahren sieht man während der ersten Sekunden — bis sich die Augen an Scheinwerfer-Lichtstärke gewöhnt haben — Null Komma gar nichts. Das verleiht der ohnehin schon spannenden Strecke eine ganz neue Ebene von Nervenkitzel.

Telefonisch habe ich uns vor ein paar Tagen bei Anar angekündigt. Anar betreibt eine bei Overlandern beliebte Autowerkstatt in Dushanbe. Bei meinem ersten Anruf war ich überrascht, eine fließend deutsch sprechende Stimme zu hören. Ich bestellte neue Stoßdämpfer. Nach der Diagnose in Taschkent (ein Stoßdämpfer verliert Öl) hatte ich mich entschieden, sie doch schon vor dem Pamir zu wechseln. Nun ein erneuter Anruf, diesmal wegen der mutmaßlich kaputten Kardanwelle. Anar will schon mal nachsehen, ob und wie er ein Ersatzteil organisiert bekommt. Die Werkstatt wird mit unserem Abenteuermobil gut zu tun haben.

Nach der Havarie am Iskanderkul gönnen wir uns ein Hotel mit Klimaanlage und Pool im Keller. Etwas verwundert werden wir am Empfang beäugt, als wir kistenweise Ausrüstung aus dem Auto in unsere Zimmer tragen. Morgen geht der Honda in die Werkstatt; wir wollen unseren Krempel so lange bei uns behalten. Das Hotel befindet sich in einem der letzten noch verbleibenden Altstadt-Straßenzüge in der Innenstadt Dushanbes. Auf Geheiß der permanent-Alleinherrschers Rahmon wird die Hauptstadt im Eiltempo modernisiert. Alte Gebäude weichen generischem Glasbeton-Bau. Ob diese entstehenden Betonwüsten auch mal Besucher mit Hang zur brachial-Ästhetik anziehen werden, so wie heute Sowjetplattenbau Brutalismus-Fans anzieht? Wir sind jedenfalls froh, noch etwas vom alten Dushanbe zu erleben.
Montag: Pläne schmieden
Das Auto ist leer geräumt, ich bahne mir den Weg durch Dushanbes chaotischen Verkehr in Richtung Werkstatt, während die Copilotinnen etwas am Hotel-Pool chillen. Daran, dass in Zentralasien gern mal etwas hitzköpfiger gefahren wird, habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Dushanbe aber setzt dem Wahnsinn die Krone auf. Dass ein fast überwiegender Teil von Tadschikistans Autoflotte aus chinesischen E-Autos mit wahnwitzigen Beschleunigungswerten besteht, macht die Sache noch mal interessanter.
Anar heißt mich willkommen. Er hat schon mal recherchiert: Zweimal pro Woche landet eine Frachtmaschine aus Moskau. Er könnte eine Ersatz-Kardanwelle direkt mit dem nächsten Flieger bestellen. Die neuen Stoßdämpfer liegen schon in der Werkstatt bereit. Aber erst mal wollen sie sich das Auto natürlich eingehend ansehen und eine Diagnose stellen. Ich gebe die Schlüssel ab und halte ein Taxi (mit hoffentlich nicht total durchgeknalltem Fahrer) in Richtung Hotel an.

Nach fleischlastigen Tagen (und mit der Aussicht auf noch mehr davon im kargen Pamir) kosten wir die abwechslungsreiche Küche der Großstadt aus. Am Abend besuchen wir einen poppigen koreanischen Fastfood-Laden. Eine willkommene Abwechslung, selbst wenn die koreanischen Speisen an zentralasiatische Gaumen (weniger Gewürz, mehr Fett) angepasst wurden.
Dienstag: Der Plan steht
Am Nachmittag darauf meldet Anar: Die Stoßdämpfer werden heute noch eingebaut, die Kardanwelle ist tatsächlich im Eimer und muss getauscht werden. Die nächste Frachtmaschine soll am Freitag ankommen. Heute ist Dientag. Also noch mindestens vier Tage, bis das Teil hier ist. Langsam wird die Zeit knapp, denn wir haben eine harte Deadline — das Ferienende — zu der die Copilotinnen in Osh ins Flugzeug zurück nach Hause steigen wollen. Wir haben uns so auf dieses einzigartige Hochgebirge gefreut und wollen da nicht im Schnelldurchlauf durch jagen. Nach etwas Hin und Her steht ein wilder Plan: Anar baut die neuen Stoßdämpfer ein und bestellt die Kardanwelle aus Moskau. Wir fahren so lange schon mal ohne Allrad bis zur Stadt Khorog am Fuß des Pamir. Dorthin schickt Anar uns die neue Kardanwelle per Sammeltaxi hinterher (Sammeltaxis machen die Strecke von Dushanbe, für die wir mehrere Tage brauchen werden, in einem Gewaltritt an einem Tag). Ich baue die Welle in Khorog dann selbst ein.
Mittwoch: Der Plan wackelt
Am nächsten Morgen bin ich bereits wieder auf dem Weg in RIchtung Werkstatt, um das Auto abzuholen. Anars Jungs haben bis spät in die Nacht gewerkelt. Wenn ich da an Berlin denke: Wenn man da nicht schon jemanden kennt, kann man gerne Wochen überhaupt erst mal auf einen Termin warten. Hier in Taschikistan ist Alltägliches oft komplizierter und langwieriger, als wir es von zu Hause kennen. Aber wir erleben immer wieder, welch enormen Antrieb die Menschen hier haben, einander zu helfen, auch wenn die Lösung mal nicht mitten auf dem Weg liegt. Diesen Zusammenhalt würde ich mir öfter wünschen.
Das Auto steht noch über der Grube, Anar telefoniert mit einem Kunden. Bevor wir zum Geschäftlichen kommen, nutze ich die Gelegenheit, um mir das Auto noch mal von unten anzuschauen. Mehraugenprinzip. Unter den Federn blitzen mir nagelneue Stoßdämpfer entgegen, sehr schön. An Stelle der Kardanwelle klafft eine Lücke zwischen Getriebe und Hinterachse.
Ok, bei der Gelegenheit schaue ich mir auch mal die anderen Fahrwerksteile … – Als mein Blick in eine Ausbuchtung über der Hinterachse fällt, ungläubiges Entsetzen: An einem von vier Befestigungspunkten ist der hintere Hilfsrahmen komplett aus der Karosserie gerissen! Am Hilfsrahmen ein Fetzen Karosserie, in der Karosserie klafft ein Loch.

„Du, Anar, ich habe noch etwas Arbeit für euch.“
Klar ist: Was auch immer jetzt kommt, wird unsere Reisepläne durcheinander werfen. Ich bin noch vorsichtig optimistisch. Die Werkstatt war während der letzten Tage damit beschäftigt, den dicken Rahmen eines schweren Reise-LKW wieder zusammen zu schweißen, der nach einem Unfall gerissen war. Aber der Schweißer hat erst morgen wieder Zeit, so lange müssen wir uns gedulden.
Donnerstag: Der Plan zerfällt
Ich bin früh aufgestanden, um vor der Mittagshitze einmal auf den Hügel zu wandern, der über der Stadt thront. Eine für Autos gesperrte kleine Allee windet sich nach oben. Immer wieder laden kleine Pavillons unter schattigen Bäumen zum Rasten ein. Ein Abzweig führt zu einem Ehrenmal, komplett mit ewigem Feuer und Sowjetpanzern.

Bevor ich ganz oben bin, summt das Handy. Anar schreibt: „Der Schweißer hat sich das Auto angesehen. Da ist nichts mehr zu machen. Zu viel Rost.“
Oh fuck. Das ist doch der größte anzunehmende Mist. Wie kann das sein? Ich hatte das Auto, im Wissen, dass alte japanische Autos gerne mal etwas mehr rosten, erst nach einer wirklich ausführlichen Besichtigung von unten gekauft. Auch weder meiner Werkstatt noch dem deutschen HU-Prüfer fiel irgendwo struktureller Rost auf. Entweder hatten wir alle was auf den Augen, oder jemand hat wirklich gut kaschiert. Ich hatte schon so viele problemlose Altautos, aber ausgerechnet bei diesem habe ich offenbar ins Klo gegriffen. Und jetzt?
„Bist du sicher? Kann man das nicht doch irgendwie richten?“ — Anar überlegt. Es gibt noch einen anderen, spezialisierten Karosseriebau-Betrieb, meint er. Den will er fragen. „Der kann aber erst nächste Woche.“ Damit haben wir jetzt ein paar spannende Tage vor uns.
Mir schwirren die Gedanken. War es das jetzt schon mit unserer großen Reise in Etappen? Ich tue, was mir in solchen Situationen immer hilft: Ich lege mir vage einen Plan B zurecht. Wenn der Honda nicht zu retten ist, lagern wir ihn hier in Dushanbe ein und fahren per Mietauto ins Pamir-Gebirge. Dann zurück nach Deutschland. Dort besorge ich das gleiche Modell noch mal. Nächstes Jahr bringe ich das „neue“ Auto nach Tadschikistan. Die Aus- und Umbauten baue ich dann vom alten ins neue Auto und wir verkaufen/verschenken/verschrotten den alten Honda. So schnell lassen wir uns nicht klein kriegen. Es wird weiter gehen, irgendwie. Fluch und Segen von alten, günstigen Autos.
Nächster Teil: Hoffen und Bangen in Dushanbe, Teil 2
Letzter Teil: Gestrandet am Iskanderkul


Schreibe einen Kommentar