Ein später Fahrtag, eine fiese Piste, Müdigkeit und ein paar dumme Entscheidungen waren alles, was es brauchte. Nun stehen wir da, an einem Berghang mitten im Nirgendwo. Der Honda parkt mit havariertem Antriebsstrang auf dem am wenigsten steilen Stück Bergwiese, das ich zum Ausrollen noch finden konnte. Auf einem Feuer aus Holzzweigen kocht Teewasser. Ausgerechnet jetzt ist uns auch noch das Kochernbenzin ausgegangen. Zeit, durchzuatmen und zu brainstormen, wie wir es hier wieder raus schaffen.

Was ist passiert?
Vor ein paar Tagen sind wir von den Seven Lakes zum Iskanderkul, einem großen Bergsee auf halber Strecke zwischen der usbekischen Grenze und Tadschikistans Hauptstadt Dushanbe, aufgebrochen. Die Piste zum See war zunächst gut machbar, unser Honda zog die Schotter-Serpentinen wie eine Bergziege hinauf. Tadschikistans Diktator Präsident weiß den malerischen See auch zu schätzen und hat sich dort einen Landsitz errichtet. Bis dorthin war die Straße auch okay. Danach allerdings wurde der Weg immer schmaler, das Geröll immer loser, an manchen Stellen hat es auch unser kleines Fahrzeug nur knapp zwischen Felsüberhängen und Abhang hinduch geschafft. Es war schon später Nachmittag, aber die Overlander Stellplatz-App versprach einen wunderschönen Stellplatz mit weißem Strand am anderen Ende des Sees. Fast hatten wir es geschafft, ich zirkelte uns zwischen aus dem Boden ragenden Felsbrocken das letzte Stück des Weges einen steilen Abhang hinunter. Unerwartet tauchten drei Gestalten vor uns auf dem Weg auf. Zwei tschechische Wanderer und ein junger tadschikischer Ziegenhirte. Sie wirkten besorgt. Die Mutter des jungen Mannes hatte wohl irgendeine Form von medizinischem Notfall. Die drei waren unterwegs, um Hilfe zu suchen. Mangels Sprachkenntnissen (er sprach wirklich nur tadschikisch) gab er uns mit Händen, Füßen und schließlich einer Zeichnung so halbwegs zu verstehen, was das Problem war. Er bat um ein Handy. Nach einem kurzen Telefonat bei schlechter Verbindung schien er noch nicht die Hilfe bekommen zu haben, die er brauchte. Wir beratschlagten. Die Sonne war bereits untergegangen. Bei Dunkelheit den schmalen Geröllweg am Abhang entlang zurück Richtung Zivilisation zu fahren, kam nicht in Frage. Vor zwei, drei Kilometern stand etwas abseits des Wegs ein großer Reise-LKW geparkt. Ich meinte, daran eine Satelliteninternet-Antenne gesehen zu haben. Die drei beschlossen, dort hin zu wandern und dann hoffentlich bessere Kommunikationsmöglichkeiten zu haben. Für uns ging es weiter den Hang hinab. Unten angekommen, war noch ein kurzer Weg durch einen Wald bis ans Seeufer zu nehmen. Mittlerweile war es beinahe dunkel. Der Weg wurde immer weicher und führte irgendwann durch Schilf. Keine 200 Meter vor dem Seeufer dann eine kleine Schlammgrube. Die Fahrspuren waren von schweren Geländewagenreifen schon tiefer gegraben, als unser kleines SUV Bodenfreiheit hatte. Aber der Boden sah ziemlich weich aus. Also: Schwung nehmen und hoffentlich einfach über den weichen Schlamm gleiten. Es funktionierte, wir kamen durch. Was ich dabei alledings übersehen hatte, war ein sich im Schlamm versteckender Baumstumpf zwischen den Spuren. Wir setzten mit einem Wumms auf. Oh Mist! Ich zuerst mit Taschenlampe unters Auto. Der Stahl-Unterfahrschutz, den ich vor der Reise noch montiert hatte, schien seinen Dienst getan und den Aufsetzer abgefangen zu haben, wie es anhand von ein paar Schrammen und einer etwas verbogenen Befestigung aussah. Na, wenn es nur das ist!
Ein Panorama, das die mühevolle Anreise belohnt
Am nächsten Morgen wurde klar, dass die Mühen nicht umsonst waren: Ein einsamer, weißer Strand, klares blaues Wasser und Stille. Ich fühlte mich ein wenig an die neuseeländischen Südalpen erinnert. Wir hängten Hängematten auf, angelten und chillten. So entspannt kann Zentralasien sein! Einzig auf einem Spaziergang durch den Wald wurde es mir etwas mulmig, als ich einen riesigen Bären-Schiss mitten auf dem Weg entdeckte. Den Weg zurück zum Camp verbrachte ich laut pfeifend und vor mich hin singend (Bären nie mit der eigenen Anwesenheit überraschen! Gelernt von den Besten.). Auf dem Weg an der Schlammstelle vorbei dann ein Hand-ins-Gesicht-Moment: Ich hätte einfach etwas versetzt zu den Rinnen seitlich das Schilf plattfahren und statt mit Karacho die Stelle mit etwas Feinarbeit problemlos durchfahren können. Note to self: Auf solchen Strecken nur noch 100% ausgeruht fahren. Und im Zweifelsfall muss es dann halt auch mal eine ungeplante Rast kurz vor dem Bilderbuch-Ziel sein.

Gut erholt brachen wir zwei Tage später nach Dushanbe auf. Durch den Wald zurück bis zum Hang ging alles gut. Aber als die Vorderräder auf der ersten schotterigen Steigung den Halt verloren (und damit eigentlich der Allradantrieb einsetzen sollte), kam vom Antriebsstrang ein Krachen und kein Vortrieb mehr. So ein Scheiß! Was habe ich da zerschossen? Das Getriebe? Eine Radnabe? Das Differenzial? Eins ist jedenfalls sicher: Weiter fahren will ich so nicht, bevor klar ist, was kaputt ist, oder vielleicht noch mehr kaputt geht. Also rollte ich im Leerlauf zurück auf ein freies Stück Wiese. Die Copilotinnen gingen zu Fuß den Hang hinauf und erlebten das Spektakel von außen.
Wie kommen wir jetzt aus dem Schlamassel?
Hier kann man nicht einfach den ADAC rufen. Der Weg geht über ein paar hundert Meter teilweise sehr steiles, loses Geröll. Dazu aus dem Boden ragende Felsen. Für eine Bergung braucht es mindestens einen schweren Geländewagen. Aber wo bekommen wir einen her?
Die große Copilotin hat die zündende Idee: Wir vertrauen auf unseren Reisen noch ganz old-school auf Reiseführer in Buchform. Darin sind für die aufgeführten Orte meist Unterkünfte mit Telefonnummern angegeben. Wir schlagen das nächstgelegene Städtchen nach, und Tatsache: Es gibt ein paar Guesthouses mit Telefonanschluss. Das Handy zeigt hier am Hang sporadisch mal einen Empfangsbalken. Nach ein paar Versuchen kommen wir durch und bekommen tatsächlich jemanden mit Englischkenntnissen ans Telefon. Die Guesthouse-Betreiber zeigen sich super hilfsbereit und versprechen, morgen Hilfe per Geländewagen zu schicken. Erleichterung macht sich breit. Wir kommen hier wieder raus! Wie genau, werden wir noch sehen. Jetzt lassen wir erst mal den Tag ausklingen. Denn bei allem Drama: Die Aussicht über den See von unserem Notlager ist gigantisch. Bei russischer Kiefern-Cola genießen wir den Blick über den Iskanderkul.

Trotz Schräglage schläft die Besatzung gut. Nach einem kurzen Frühstück bereiten wir alles für eine Bergung vor. Ich bringe schon mal einen Gurt vorn am Honda an. Dann heißt es warten. Nach einiger Zeit hören wir in der Ferne einen Motor. Ein altes Toyota-SUV, nicht größer als unser Honda, arbeitet sich langsam den Geröllweg über dem See entlang. Damit wollen die uns raus ziehen? Kurze Zeit später stehen sie vor uns: Zwei Tadschiken, ein Fahrer, ein Mechaniker. Zeit für eine erste Diagnose. Ich erkläre mit Händen, Füßen und Lautmalerei, was das Problem ist. Ich soll einmal anfahren, um das Geäusch zu reproduzieren. Derweil legt sich der Mechaniker seitlich neben das Auto, beobachtet und lauscht. „Kchrrrr“. Noch mal. Man rüttelt an diversen Antriebsteilen. Der Kollege ist sich sicher: Die Kardanwelle ist hinüber. Beim Aufsetzen im Schlamm muss es die Stelle erwischt haben, an der sie aus zwei Teilen zusammen gesteckt ist. Und jetzt? Der Mechaniker erklärt mir (noch immer alles in Händen und Füßen und drei Brocken Englisch), dass man das Auto im Frontantrieb noch fahren kann. Also so, dass die Hinterräder nicht in Verlegenheit geraten, sich bei durchdrehenden Vorderrädern zuzuschalten. Aber wie macht man das an einem steilen Geröllhang, an dem viele 4×4 Fahrer die Untersetzung zuschalten würden? Mit Schwung! Und möglichst wenig Gewicht. Nach und nach räumen wir so viel Ballast wie wir können aus unserem Honda in das andere Auto.
Mit Vollgas aus der Bredouille
Der Mechaniker bietet an, den Honda für uns hoch zu fahren. Danke, aber wenn hier einer unser Auto vollends über den Jordan jagt, dann ich. Ich gehe das steile Stück noch mal zu Fuß ab. Merke mir jede Felsspitze, die aus dem Geröll ragt und überlege mir die beste Linie, um möglichst viel Schwung durch die Steilstücke zu nehmen. Zurück zum Auto und los. Mit Bleifuß nehme ich auf den etwas flacheren ersten Metern Anlauf. Dann das erste Steilstück. „Kchrrrrrrrrt!“ Mist, zu langsam. Ich rolle zurück auf unseren Übernachtungsplatz abseits des Weges und fahre die Wiese so weit rückwärts hoch, wie ich kann. Und Gas! Mit heulendem Motor pflügt der Honda durchs Geröll nach oben und hüpft dabei wie ein wildes Rodeo-Pferd zwischen Fahrspuren, Auswaschungen und Steinbrocken umher. Nach einer Minute ist der Spuk vorbei, ich komme oben an der Weggabelung zum Stehen. Das Auto ist noch ganz, ich bin voll Adrenalin. Ich rufe nach unten „Geschafft!!“. Unsere Retter kommen mit den beiden Copilotinnen deutlich umsichtiger hinterher gefahren. Im Konvoi fahren wir um den See zurück bis zur Gabelung am Präsidentenpalast, wo der schmale Geröllweg zu einer passablen Piste wird.
Hier hält man zusammen
Wir halten an, laden das Gepäck wieder um. Zeit, unsere Helfer zu bezahlen. Wir haben im Voraus gar nicht über den Preis gesprochen. Ich frage. „500.“ Meint er Dollar? Ich kann es den beiden nicht verdenken, frage aber sicherheitshalber nach. Nein, er meint Somoni! Umgerechnet sind das keine 50 Euro. Für eine Aktion, die die beiden einen halben Tag gekostet hat. Wir haben das Gefühl, dass es ihnen zu allererst darum ging, uns aus der Patsche zu helfen. Tadschikistan ist arm, aber die Menschen halten zusammen. Diese besondere Hilfsbereitschaft wird uns auf der weiteren Reise noch öfter begegnen.
Wir sind froh, als wir wieder Teer unter den Rädern haben. Auf Raten des Mechanikers geht es für uns in betont gemütlichem Tempo weiter in Richtung der Hauptstadt Dushanbe.
Letzter Teil: Sieben Seen und eine Rumpelpiste: Angekommen in Tadschikistan


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