Samarqand city limit

Abgebogen auf die Seidenstraße: Taschkent und Samarkand

Ehrlicherweise habe ich mir Taschkent immer als lebensfeindliche Gluthölle aus Beton vorgestellt. Laut Wetterstatistiken ist es schließlich der heißeste Ort unserer gesamten Reise. Ich konnte aber falscher nicht liegen. Die Stadt ist auch bei den Temperaturen jenseits der 40 Grad viel angenehmer, als erwartet. Es gibt viele Parks mit alten Bäumen und dichten Kronen, die Schatten spenden. Dazu praktisch überall Springbrunnen, die die Luft zusätzlich kühlen. So schlendere ich an meinem „freien Tag“ einmal durch die Innenstadt und beobachte das Treiben, ganz ohne Hitzschlag. Auch das usbekische Nahverkehrssystem überrascht: Während zu Hause in Berlin schon bei 25 Grad die U-Bahnen zu einer ziemlich ekligen, schweißdurchwaberten Angelegenheit werden, sind hier sämtliche Bahnen und Busse angenehm klimatisiert. Zudem sind sie sauber und anstatt eines undurchsichtigen Tarifplans gibt es Kartenleser an den Eingängen, an denen man die umgerechnet 12 Cent pro Fahrt einfach abbuchen kann. Nimm das, BVG!

Spaziergang durch Taschkent: Durch das viele Grün auch bei über 40 Grad gut erträglich

Welcome to Uzbekistan

Abgesehen von entspanntem Spazierengehen stehen für mich in Taschkent noch ein paar Erledigungen an. Nach dem Grenzübergangs-Wahnsinn gestern hatte ich keinen Nerv mehr, mir von Marktschreiern noch eine Autoversicherung andrehen zu lassen. Das will ich heute nachholen. Wie alle Stans möchte auch Usbekistan, dass jedes Auto auf seinen Straßen versichert ist. Die Autoversicherungen sind hier eigentlich immer eine günstige und unkomplizierte Angelegenheit: Man gibt eine Dauer an, reicht Führerschein und Zulassungspapier ein, bezahlt, und bekommt am Ende die Bescheinigung, die man bei Kontrollen vorzeigen kann. Das Versicherungsbüro ist im vierten Stock eines alten Plattenbaus. Höflich werde ich herein gebeten und bekomme erst mal eine Tasse Tee in die Hand gedrückt. Als Tourist werde ich an die Beraterin, die Englisch beherrscht, verwiesen; eine übers ganze Gesicht strahlende Frau mittleren Alters, die sich als Dilya vorstellt. Dilya tippt meine Daten und die des Autos in ihren Rechner ein. Kurz darauf spuckt der Drucker einen Versicherungsvertrag aus. Ich soll ihn mir noch mal kurz durchlesen. Die Daten passen. — Aber der Preis? 11.000 Sum für 14 Tage. Umgerechnet sind das 76 Euro-Cent. Fehlt hier eine Null? Dilya schaut noch mal in ihren Rechner und muss selbst lachen. Ja, der Preis ist richtig. So günstig werde ich wohl nie wieder ein Auto versichern. Ich krame im Kleingeld. Dilya macht eine abwinkende Handbewegung: „Welcome to Uzbekistan!“

Uzbek car insurance police
Obligatorische Auto-Haftpflichtversichrung für Usbekistan: Die günstigste, die ich je hatte

Auto-Wellness bei Eric

Nächster Programmpunkt: Der kleine Honda hat die lange Anreise von Deutschland wirklich tapfer mitgemacht und sich nun eine Wartung verdient. — Außerdem stehen wirklich fiesen Pisten erst noch bevor, für die das Auto wirklich fit sein sollte. Ich fahre das Auto in Erics Werkstatt, die in der Overlander-App von Reisenden hoch gelobt wird. Eric heißt eigentlich anders, aber er hat sich ein westliches Pseudonym zugelegt, das wir Langnasen uns besser merken können. Wie besprochen wechseln Eric und sein Assistent das Öl, danach prüfen sie die diversen Fahrwerksteile. Eric meint, die Ursache für die durchschlagenden Federn gefunden zu haben: Ein Stoßdämpfer hinten verliert Öl und kommt vermutlich seiner Funktion nicht mehr richtig nach. — Mist, die Stoßdämpfer sind so ziemlich das einzige, was ich vor der Reise nicht präventiv gewechselt hatte. Murphys Law. Ersatzteile für Honda sind in Usbekistan aber wohl nur schwer in guter Qualität zu bekommen. Eric rät mir, mit der Reparatur noch zu warten, bis ich mit dem Auto wieder in Kasachstan bin. Dort sei die Ersatzteilversorgung viel besser. Er meint, bei den geringen Geschwindigkeiten, die im Pamir möglich sind, sollte der ausgeleierte Dämpfer kein allzu großes Problem darstellen. Wenn möglich, grobe Unebenheiten mit der anderen Seite nehmen! Auch der Luftfilter wird gecheckt. Ich hatte ihn zu Hause vor Abfahrt noch neu eingebaut. Als Eric ihn gegen die Wand klopft, bricht eine kleine Staublawine los. Das Ding ist schon jetzt, von einmal quer durch die kasachische Steppe, größtenteils auf Asphalt, total dicht! Zum Glück habe ich ein Ersatzteil dabei. Allerdings wird es in den nächsten Tagen ja erst so richtig los gehen mit den Pisten und dem Staub. Eric pustet den alten Filter einmal kräftig mit Druckluft durch und gibt ihn mir für den Fall der Fälle als Ersatzteil mit. Note to self: Schnorchel-Luftfilter sind vielleicht doch mehr, als sinnlose Dekoration für Offroad-Poser.

Garage in Tashkent, Uzbekistan
Ölwechsel und Checkup in Tashkent nach über 5.000 Kilometern seit Europa

Die Rennstrecke nach Samarkand

Nach zwei Tagen in Taschkent breche ich auf Richtung Samarkand. Dazwischen liegen eigentlich nur 300 Schnellstraßenkilometer. Die aber stellen sich als die fiesesten der bisherigen Reise heraus: Der Verkehr ist dicht und die Fahrer typisch zentralasiatisch-hitzköpfig unterwegs. Ich habe die Wahl, entweder links, auf der etwas weniger Schlagloch-übersäten Spur mit 120 bei erlaubten 90 im Verkehr mitzubrettern, oder rechts langsamer zu fahren. Dort allerdings sind die Schlaglöcher derart brutal, dass man guten Gewissens höchstens 40-50 fahren kann. Ich entschließe mich, die langsame rechte Spur zu nehmen, und die Wut der drängelnden LKW-Fahrer hinter mir gekonnt zu ignorieren.

Honda CR-V 300,000km
Kurz vor Samarkand ist nicht nur die lange Anreise fast geschafft, auch das Auto nimmt einen großen Meilenstein. Der Honda ist endlich eingefahren!

Nach viel zu vielen Stunden taucht es endlich auf: Das große, bunte Schild mit „Samarqand“-Schriftzug. Hier ist sie zu Ende, die erste lange, schnelle Etappe von Europa nach Zentralasien. Ich halte unter den Lettern an, setze mich auf den Sockel und reflektiere. Um die 6.000 Kilometer bin ich in den letzten 14 Tagen von Berlin gefahren. Durch Osteuropa, Russland und einmal quer durch Kasachstan. Eine Strecke, für die man bei gesundem Verstand eigentlich einen gar nicht mal so kurzen Flug nehmen würde. Trotzdem war das Reisen im Schnellvorlauf irgendwie eine spannende Erfahrung. Der Kopf kam aber noch nicht ganz hinterher und muss die ganzen Eindrücke jetzt erst mal verarbeiten. Jedenfalls freue ich mich, es auf der jetzt anstehenden zweiten, gemütlichen Reiseetappe durchs Pamir-Gebirge deutlich langsamer angehen zu lassen. — Zusammen mit meinen beiden Copilotinnen, die morgen Nacht hierher einfliegen werden.

Ab hier zu dritt

Der nächste Tag, die Copilotinnen sind gelandet. Unser Guesthouse haben wir uns nach dem Pool im Innenhof ausgesucht. Dass der in Realität ein größeres Planschbecken ist — geschenkt, denn bei 38 Grad im Schatten ist jede Abkühlung recht. Besonders für die beiden Copilotinnen, die geradewegs aus dem eher mäßig warmen deutschen Juli kamen, und noch keine Zeit hatten, sich zu akklimatisieren. Die heißesten Stunden chillen wir im Innenhof, bevor wir die berühmte Altstadt von Samarkand erkunden.

Samarqand Registan
Wuselig und wunderschön: Der Registan in Samarkand

Abends besuchen wir den Registan, den berühmten zentralen Platz, der die Titel so ziemlich aller Usbekistan-Reiseführer ziert. Der Registan wird umfasst von drei kunstvoll verzierten Medresen, also islamischen Kulturzentren. Die Vorderseiten zum Platz hin zieren riesige, mit aufwendigen Mosaiken geschmückte Torbögen. In den Hinterhöfen der Medresen gibt es angenehm kühle, kleine Grünanlagen. Und geschäftstüchtige Souvenirhändler. Zum Glück akzeptieren sie aber alle ein höfliches Nein. Nach einem Rundgang setzen wir uns auf einen der Sockel um den Platz und beobachten das Treiben. Neben ein paar westlichen Touristen scheinen es vor allem Usbeken zu sein, die den Platz besuchen. Viele Kinder toben über den Platz, es werden Familienfotos geschossen. Der Registan hat auch eine ganz eigene Akustik. Die großen Torbögen werfen den Schall zurück auf den Platz. Es ist nicht ohrenbetäubend laut, sondern mehr ein dezenter Klangteppich aus vielen Stimmen. Ein lebendiges religiöses Zentrum. Kennt man aus dem Abendland ja eher nicht. Mir gefällt die Atmosphäre.

Nach dem Registan knurren die Mägen. Wir besuchen ein nahe gelegenes Grillhaus. Dort bekommen wir das beste Kebab jenseits von Neukölln das ich seit Langem hatte: Es gibt butterzarte und fein gewürzte Rind- und Schaffleischspieße, sowie Leber, geordert von der abenteuerlustigen jungen Copilotin. Dazu kaltes Bier (ein Prosit auf den zentralasiatischen Islam light) und extra süße Limo. Wenn das keine gute Grundlage ist für das große Abenteuer im Pamir!


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