Wenn man wie ich auf meinem Weg nach Samarkand auf schneller Durchreise ist, verbringt man viel Zeit an Grenzen. Mal mehr mal weniger. Heute wird es mehr. Ich bin von meinem Nachtlager nahe Shymkent unterwegs zur usbekischen Grenze, und erwarte einen entspannten Übergang von Kasachstan nach Usbekistan — zwei Länder, die eigentlich keine allzu großen Probleme miteinander haben.
Gegen 10 Uhr komme ich an der Grenze Kaplanbek kurz vor Taschkent an. Ich erschrecke: Der Rückstau geht bereits 200 Meter bis in den Ort hinein, auf drei bis vier Fahrspuren. Dazwischen wuselt ein ständiger Strom aus Grenzgängern zu Fuß. Die Sonne brät schon jetzt. Wildes Gehupe, ein paar selbsternannte Einweiser sorgen dafür, dass der Ort nicht komplett vom Grenzstau verstopft wird und die Querstraßen frei bleiben. Jetzt ist erst mal Geduld und ein kühler Kopf gefordert. Also so kühl, wie es eben geht. Strategisch platziere ich mich auf dem ganz linken Fahrstreifen. So kann ich bei Stillstand einfach aussteigen und mich mit den anderen Wartenden in den Schatten der mickrigen Bäumchen auf dem Mittelstreifen quetschen.
Ein Gespräch, wie ich es in ähnlicher Form während der Reise immer wieder führen werde: „Du kommst aus dem Land von Mercedes, BMW, Audi. Warum um alles in der Welt fährst du ein japanisches Auto?“ fragt der alte Herr im 190er Mercedes per Übersetzer-App. Tja. Ich antworte, halb scherzhaft, halb ernst: „Die guten — also alten — deutschen Autos sind ja mittlerweile alle in Zentralasien und die neuen taugen nichts.“ — Meine Antwort stellt ihn zufrieden. Tatsächlich sind Zentralasiens Straßen wie eine Zeitmaschine: Die Fahrzeugflotte scheint teilweise direkt aus meiner Kindheit hierher teleportiert worden zu sein. Wobei sie gerade zügig durch hochmoderne, chinesische Elektroautos ersetzt wird.
Weit vorne in der Schlange lässt jemand den Motor an. Ich werde ermahnt, mich auf den Fahrersitz zu setzen, bereit, möglichst zeitgleich mit meinem Vordermann anzufahren, um ja keine Lücke entstehen zu lassen, die irgendjemand anderes für sich nutzen könnte. In Zentralasien trifft man ja die herzlichsten, hilfsbereitesten, gastfreundlichsten Menschen. Bis sie sich ans Steuer setzen. Dann wird verbissen und mit vollem Hupen-Einsatz um jeden Zentimeter, jede Sekunde, jeden Platz in der Schlange gekämpft, als würden dadurch Kriege entschieden. Sobald der Motor abgestellt wird, läuft die Metamorphose zum Glück wieder rückwärts.
Nach drei Stunden stehe ich endlich vor dem großen Metalltor, durch das immer wieder eine Handvoll Autos gelassen wird. Nicht nur mir, sondern auch den anderen Wartenden hat es langsam in der Hitze das Hirn gar gekocht. Die Stimmung wird aggressiver. Irgendwann mündet lautes Gekeife zwischen drei fliegenden Geldwechslerinnen in eine handfeste Klopperei. Am Ende liegen Geldscheine auf der Straße und die Wechslerinnen sind erst mal damit beschäftigt, ihre Einnahmen neu zu sortieren. Dann warte ich wohl bis zum nächsten Geldautomaten.
Die kasachischen Grenzer sind trotz der Hitze gut gelaunt. Die Zentralasien-Papierkarte (Bin ich der Einzige, der noch mit so etwas herumfährt?) stößt auf besonderes Interesse. Der Chef-Kontrolleur lässt es sich nicht nehmen, sie auf der Motorhaube komplett aufzuklappen und mir darauf seine Heimatstadt zu zeigen. Sonst nur ein paar Fragen, Auto anschauen, Stempel, das war’s. Weiter zur usbekischen Seite.
Die usbekische Grenze erinnert in ihrer Absurdität an das Amtsgebäude aus dem einen Asterix-Film. Der erste Beamte drückt mir einen Laufzettel in die Hand und schickt mich zur ersten Station, dem Fahrzeugimport-Häuschen. Das Häuschen hat zwei Schalter, jeweils einen an den gegenüberliegenden Seiten. In einem nicht wirklich ersichtlichen System schließt sich immer wieder das eine und öffnet sich das andere Fensterchen. Wobei die Traube der Autoimport-Anwärter jedes Mal um das Gebäude herum watschelt und sich vor dem nun offenen Fenster neu sortiert. — So etwas wie ordentliche Warteschlangen gibt es in Zentralasien eigentlich nicht, am besten vergisst man dieses Konzept einfach. Als ich mich nach vorne durchgerungen habe, erst mal Enttäuschung: Ich müsse mir erst noch irgendeine andere Bescheinigung aus einem benachbarten Häuschen holen, gibt mir der Kontrolleur fuchtelnd zu verstehen. Na gut, ich bin ja im Urlaub. Also auf ins Nebenhäuschen. Das ist aus irgendeinem Grund nicht ebenerdig, sondern eine Art Wachturm, den ich erst per Treppe erklimmen muss. Darin ein junger Usbeke, der Englisch spricht, und mir erklärt, dass ich erst eine Straßensteuer zu bezahlen habe. Er nimmt meine Dokumente entgegen, tippt etwas in seinen Rechner, der dann auf dem Bildschirm einen QR-Code ausspuckt. Den soll ich mit meinem Handy abfotografieren, und damit zum Bezahlhäuschen gehen, scannen lassen und bezahlen. Mit der Quittung soll ich dann zum Zoll. Na jetzt läuft’s aber!
Die Kasse liegt hinter einem Fenster ungefähr auf Hüfthöhe in einem Untergeschoss. Um mit dem darin sitzenden Mitarbeiter zu sprechen, muss man vor dem Fenster eine beichtstuhlartige Haltung einnehmen. Oh allmächtiger Grenzer, vergebe mir die Störung und lasse mich bitte bezahlen. Gerne mit Karte. Ich reiche QR-Code, Dokumente und Kreditkarte ein und bekomme den heiß ersehnten Straßensteuerwisch. Damit jetzt zurück zum Zollfenster-wechsel-dich und auf das Importdokument hoffen.
Dort ist mittlerweile wieder eine ansehnliche Traube aufgelaufen aus überwiegend Usbeken und einem Overlander aus Russland. Mit dem zusammen kämpfe ich mich langsam bis zum Fensterchen vor. Der Beamte nimmt immer wieder Dokumente von Usbeken entgegen, und ignoriert meinen russischen Leidensgenossen und mich. Einige Minuten schaue ich mir das Schauspiel an, dann platzt mir der Kragen und ich finde ein paar deutliche englische Worte für den bräsigen Grenzer. Der Russe zuckt ein wenig zusammen. Ob das eine gute Idee war? Mit einem lauten Seufzen werden unsere Papiere entgegen genommen und Importdokumente gestempelt. Geht doch.
Mit den gestempelten Papierkram geht es erst durch die Fahrzeugkontrolle in die Halle zur Einreise. Noch eine letzte Kontrolle, der an allen Stationen abgestempelte Laufzettel wird eingesammelt, und ich darf endlich weiter fahren. Acht Stunden habe ich an der Grenze verbracht. Länger als an der berüchtigten Grenze zu Belarus. Es soll der Rekord dieser Reise bleiben.

Hinter der letzten Schranke klopfen Schlepper, die mir eine Autoversicherung andrehen wollen, ans Fenster. Nee, beim besten Willen nicht mehr. Mit voll aufgedrehter Klimaanlage düse ich Richtung Taschkent. Eine Versicherung kann man sich dort auch entspannt in einem Büro holen.
Der Plan für heute Abend: Dusche, Bier, Essen, Bett. In der Reihenfolge.


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