M12 Road Sign, Russia

Ein Transit in schwierigen Zeiten: Russland

Nach einem kurzen aber eindrucksvollen Tag in Belarus rolle ich auf der Autobahn Minsk-Moskau an die Grenze zu Russland. Ein richtiger Grenzübergang ist das eigentlich nicht, denn Russland und Belarus bilden einen Staatenbund. Bürger beider Länder können relativ ungehindert über die Grenze hin- und herreisen. Nur als Auswärtiger wird man an dem Checkpoint auf den Standstreifen gewunken. Kurzer Blick ins Auto, dann soll ich bitte in das kleine Container-Büro mitkommen. Kommt jetzt das berüchtigte Geheimdienst-Verhör? Halb so wild: Es gibt nur ein paar oberflächliche Fragen zur Reiseroute, ob ich Verwandte in Russland habe und zum Beruf. Auch mein Handy wird nicht durchsucht. Für etwas Stirnrunzeln und ein paar Telefonate sorgt allerdings der weißrussische Einreisestempel auf meinem russischen Touristenvisum. Denn für Reisende ist diese Grenze erst seit Anfang des Jahres passierbar. Aber alles klärt sich auf und nach nur 20 Minuten heißt es: Dawai, ich darf weiter fahren Richtung Moskau.

Border between Belarus and Russia
Abgesehen von Sowjet-Kunst ist die Grenze des Staatenbunds Belarus-Russland ein unspektakulärer Checkpoint.

Ich fahre noch einige Kilometer weiter landeinwärts, bis ich eine Pause einlege. Grenzen sind oft sehr seltsame Orte, die ich gerne hinter mir lasse. Aber schon jetzt bin ich erleichtert: Die gefühlt größte Hürde der Reise, die Einreise nach Russland, ist genommen. Und sie war überraschend undramatisch.

Russland steht schon lange auf meiner Liste, aber ich habe immer wieder auf bessere Zeiten gewartet. Die sind jetzt eigentlich noch nicht da. Wenn es im Jahr 2025 einen praktikablen Weg um Russland herum nach Zentralasien gäbe, hätte ich ihn vermutlich genommen. Auf der anderen Seite: Länder bestehen ja nicht nur aus ihren Politikern. Ich war in meinem Leben schon in einigen Ländern mit fragwürdigen Regierungen unterwegs, und habe dort gelernt: Die menschliche Seite ist oft eine ganz andere, als die politische. Ich bin gespannt auf die Begegnungen, die die nächsten Tage bringen werden.

My route through Russia
Die Route durch Russland: Belarus – Moskau – Togliatti – Orenburg. Bildquelle: Graphhopper

Meine erste Station ist direkt Moskau. Ich habe mir für die nächsten beiden Nächte ein halbwegs zentrales Hotelzimmer genommen, und komme so in den Genuss, Moskaus Prachtstraßen bis ins Zentrum zu fahren. Bereits am Stadtrand wird klar: Moskau ist keine Stadt der leisen Töne. An der Stadtgrenze thronen blau-weiß-rote MiG-Kampfjets auf Betonsockeln neben der Straße. Richtung Zentrum werden die Gebäude prunkvoller und die Straßen breiter. Zuletzt ist die Einfallstraße sieben Spuren breit — pro Richtung! Trotzdem ist der Verkehr dicht. Ab und zu kommen teure Sportwagen rechts über die Busspur geschossen. Puh, hier muss man beim Abbiegen noch besser aufpassen als zu Hause in Berlin. Wer heute in Moskau unterwegs ist, muss außerdem seine analogen Navigationskünste hervorkramen: Über russischen Städten ist nämlich das GPS-Signal blockiert, um Drohnen zu verwirren. Damit sind auch die meisten Navigationsapps nutzlos. Die russische Kartenapp schafft es so halbwegs, aber auch nicht wirklich toll, per WLAN den eigenen Ort zu bestimmen. Ich habe mir mein Hotel jedenfalls strategisch so ausgesucht, dass ich nur einmal abbiegen muss.

Former Hotel Ukraina in Moscow
Beeindruckend: Moskaus Straßen und Architektur.

Am Abend gehe ich noch mal raus. Moskau bei Nacht ist ein Erlebnis. Die beeindruckenden Gebäude sind hell angestrahlt, die Brücken dicht mit bunten Blumen geschmückt. Darunter schippern Touristenkähne die Moskwa entlang. Ich bin eigentlich ziemlich durch, aber kann mir einen ausgedehnten Spaziergang dann doch nicht verkneifen. Am alten Hotel Ukraina vorbei, ums Parlament zum Kudrinskaya Platz und zurück.

Am nächsten Tag mache ich noch die Touri-Runde: Mit der Metro vom Kiewer Bahnhof ins Zentrum, dort einmal um den Kreml zum roten Platz. Der ist so malerisch wie auf den Bildern, aber — vielleicht weil alles andere hier riesig ist — wirkt kleiner als ich erwartet habe. Ich bin noch früh dran, es ist noch angenehm kühl und noch nicht überlaufen. Lenins Mausoleum hat noch geschlossen. Vielleicht doch nicht so wichtig, eine Leiche zu bewundern. Jedenfalls höre ich in meinen eineinhalb Tagen in Moskau — und das ist mir noch nie, nirgends, auf keiner Reise passiert — kein einziges Wort Deutsch.

  • selfie in front of Basilius Cathedral, Moscow
  • Red Square, Moscow
  • Moscow Metro
  • Caviar
  • Russian dried seafood

Nachmittags erledige ich noch ein paar Einkäufe. In Zentralasien ist das Essen ja sehr Fleisch- und fettlastig, also decke ich mich noch mit reichlich Schwarzbrot ein. Im Moskauer Supermarkt bin ich überrascht, dass es beinahe alle bekannten westlichen Marken (mit saftigem Aufschlag) zu kaufen gibt. Die finden wohl trotz der Sanktionen über Drittstaaten den Weg hier in die Regale. Neben dem Schwarzbrot kaufe ich noch ein paar interessant aussehende russische Limos, Snack-Trockenfisch als Mitbringsel für die junge Copilotin und für mich das gute Baltika-Bier. Nun steht der Weiterfahrt nach Osten nichts mehr im Wege.

Es ist Ende Juli und drückend heiß. Ich bin froh, dass ich zu Hause noch die Klimaanlage habe instandsetzen lassen. Nach einem nicht enden wollenden Stau aus der Stadt heraus fahre ich auf der M12 „Wostok“ („Osten“) in Richtung Kasan. Was sofort auffällt: Östlich von Moskau wird es plötzlich sehr einsam. Während die Landschaft vor Moskau noch halbwegs dicht besiedelt ist, kommt hinter der Stadt erst mal nur ganz viel dichter Wald. Ich bin in dem für mich neuen Land noch etwas vorsichtig, will jetzt erst mal noch nicht wild campen, sondern auf einem offiziellen Zeltplatz übernachten. Doch erst mal einen finden. Die Kartenapp weist einen Platz nicht allzu weit abseits der Autobahn aus. Ich rolle bis zum Ende einer kleine Waldstraße. Aber kein Zeltplatz in Sicht, nur ein paar Hütten. Nach etwas Suchen taucht hinter einer der Hütten ein Mann auf. Mit meinen drei Worten Russisch und der Übersetzer-App können wir so halbwegs kommunizieren. Er stellt sich als Nikolaj vor und scheint sich über den westlichen Besuch zu freuen. Er zeigt mir, wo es zu den Zeltplätzen geht. Über einen steilen Sandweg geht es hinunter zum Fluss. Der Zeltplatz ist einfach ein malerischer Kiefernwald. An einer Flussbiege schlage ich mein Nachtlager auf. Als ich frage, wie viel ich ihm für die Nacht schulde, winkt Nikolaj ab. Über dem Fluss geht sie Sonne unter. Ich klappe meinen Campingstuhl auf und öffne ein Bier. So habe ich mir das russische Hinterland vorgestellt!

Camping in the Russian Forest
Guten Morgen! So habe ich mir Camping in Russland vorgestellt.

Tags darauf biege ich einige Kilometer vor Kasan ab in Richtung Uljanowsk und Samara. Wahnsinn, wie schnell sich in Russland Richtung Süden die Landschaft ändert. Zwischen nordischen Mischwäldern und Steppe liegen keine zwei Fahrtage. Aus den bunten, goldverzierten Holzkirchen werden bunte, goldverzierte Moscheen. Mein Ziel für heute: Togliatti. Es ist schon spät, ich suche mir ein Hotel. Das Hotel Amaks ist wie eine Zeitkapsel aus Sowjetzeiten: Teppiche, Vorhänge, Möbel: Alles in rot und gold gehalten. Gefühlt wurde seit Monaten nicht mehr gelüftet. Aber was soll’s, es war die einzige Absteige mit Parkplatz. Immerhin gibt es eine Hotelbar. Bei Schaschlik und Bier lasse ich den Tag ausklingen.

Warum der Stop in Togliatti? — Togliatti ist die Lada-Stadt. Hier liefen die legendären Niva und Shiguli vom Band. Natürlich möchte ich einmal das Fabrikmuseum besuchen. Das Museum ist klein, aber interesant: Neben allen möglichen Serienfahrzeugen und Prototypen gibt es auch Autos mit besonderer Geschichte zu bestaunen: Zum Beispiel ein Niva, der bei der UdSSR Antarktis-Station im Einsatz war. Für mich das Highlight ist aber der alte Shiguli, mit dem zwei Tschechen 50.000 Kilometer quer durch Europa, Asien, Nord- und Südamerika fuhren. Ich bin ja der Meinung, dass Overlander viel zu viel Wind um ihre Vehikel machen. Die kleine Sowjet-Limousine ist der beste Beweis, dass es keine teuren „Expeditions“mobile braucht, wenn man die Welt sehen möchte.

Orenburg: Hier kann man in der fiktiven Grenze zwischen Europa (links) und Asien (rechts) baden.

Auf zur letzten Etappe durch Russland! Ich fahre noch weiter bis nach Orenburg am Ural-Fluss. Wo Europa aufhört und wo Asien anfängt, darüber gibt es viele Meinungen. Eine gängige russische Definition besagt, dass die Grenze entlang de Flusses Ural verläuft. In Orenburg muss ich natürlich ein paar Fotos vom Honda vor der Säule machen, die die Grenze markieren soll. Viel lustiger als das Monument: Die Stadt hat einen Sandstrand am Fluss, und so planschen die Locals zwischen den Kontinenten. Ich finde etwas südlich der Stadt einen malerischen Übernachtungsplatz. Morgen will ich nach Kasachstan weiter. Ich bin gespannt, ob die Ausreise so problemlos wird, wie die Einreise.

Abwechslungsreiche Landschaft: Zwischen nordischem Mischwald und Steppe liegen keine zwei Fahrtage.

Was nehme ich mit aus den letzten viereinhalb Tagen in Russland? Das Land ist sehr vielfältig. Um das zu sehen, musste ich noch nicht einmal von Europa bis ins hinterste Sibirien fahren. Das merkt man schon, wenn man nur einmal kurz den Westzipfel durchfährt. Ich möchte unbedingt wieder kommen, länger bleiben, mehr vom Land sehen, mehr Menschen kennen lernen. Aber das wird warten müssen, bis die Zeiten wirklich wieder bessere sind.


Kommentare

2 Kommentare zu „Ein Transit in schwierigen Zeiten: Russland“

  1. Avatar von Julia
    Julia

    Was für ein Roadtrip! Man kann sich wirklich nur wünschen, dass bald wieder friedliche Zeiten anbrechen.

    1. Avatar von Johannes
      Johannes

      Allerdings.

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