vanlife drama

Roadtrip-Charaktere: Die Drama-Vanlifer

In dieser Reihe porträtiere ich — mit einem Augenzwinkern — verschiedene Charaktere, die einem immer wieder unterkommen beim Reisen, oder, wenn man sich im Internet dazu inspirieren lässt. Den Anfang macht eine besonders prominente Gruppe.

Ah, die Vanlifer. Sie hatten es mal leichter. Wurde #vanlife vor ein paar Jahren in sozialen Medien noch ordentlich gefeiert, ist das Thema heute so breit gelatscht, wie der putzige Waschbär, der dem drei-Tonnen-Selbstausbau nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte. Wie also den eigenen Content hervor stechen lassen aus dem ganzen Meer an schönen Menschen, die ihr Leben im Camper verbringen? Wichtiger noch: Wie dabei das eigene Business positionieren? Denn die Zeiten haben sich, Inflation und Krisen sei dank, geändert. Stand die Target Audience früher noch vor der Frage: „Lieber den kernigen Allradsprinter oder doch den schick restaurierten 70s Bulli?“, lautet heute die Frage mehr so: „Lieber das Decathlon-Wurfzelt oder die nächste Monatsmiete?“. — Mit so einem Geringverdiener-Publikum gewinnt man jedenfalls keinen Blumentopf. Verzeihung, Brand Deal.

Auch mit der Aufmerksamkeit ist das so eine Sache: Konnte man in der Anfangszeit noch mit softpornösem Bildmaterial, offenen Hecktüren vor malerischer Landschaft und dazu pseudo-tiefem New Age Geschwafel einiges reißen, lässt sich heutzutage das geneigte Werbeopfer längst nicht mehr so einfach aus seiner Doomscroll-Trance reißen.

Was also tun? Ganz einfach: Drama! Je mehr, je schriller, je schrecklicher, desto zahlreicher die Impressions und desto besser das Engagement. Klingt dumm? Ist auch so! Aber funktioniert. Verwirrt? Na dann schauen wir uns doch das Drama-Handbuch mal etwas genauer an: Zunächst braucht es einen griffigen Aufmacher. Also so richtig griffig. Superlative kann man nicht steigern? Denkste! Ein paar Beispiele:

„DES LANDES VERWIESEN“ (unser Visum lief aus)

„DAS IST DAS ENDE“ (Sackgassenschild übersehen)

„WIR HABEN UNS GETRENNT“ (der Olle war mal für eine Woche bei der Verwandtschaft)

Und so weiter.

Nachdem der Zuschauer am Clickbait-Haken zappelt, kommen wir zu Schritt 2: Dem Drama-Bogen. Merke: Nichts ist zu ordinär, um es nicht total over the top zum beinahe-Weltuntergang aufzublasen. Wenn der Motor auf der Passstraße etwas warm wird, dräut direkt die technische Vollkatastrophe. Oh Gott, werden wir in einem riesigen Feuerball vom Berg fliegen? Oder wenn das fragwürdige Streetfood von neulich den Magen verstimmt: Wo ist das nächste Krankenhaus? Müssen wir per Helikopter evakuiert werden? Dass der Dünnpfiff mit zwei Kohletabletten behoben war, wird nach dem Cliffhanger im nächsten Teil verraten.

Ihr habt einen Strafzettel bekommen, das Auto macht ein Geräusch, im Gebirge ist die Luft dünn, die Standheizung zickt, in Skandinavien gibt es Mücken? Nee komm, alles rein in den Drama-Pott und kräftig rühren, hier wird nichts verschwendet!

Manchmal schenkt das Leben einem aber auch Drama-Gold. Zum Beispiel, wenn einem am Benehmen des Vanlife-Nachbarn irgenetdwas nicht passt. Näher als 500m geparkt? Widerlicher Kuschelcamper! Hinterlässt Müll? Nicht einsammeln, Kamera drauf! Der Parkplatz in Norwegen ist im Juli voll? Aber das ist ja… Wer hätte das denn… Das müssen die verdammten sozialen Medien sein! #keepitwild.

Wenn gar nichts mehr geht, wird der Tränenboost gezündet. Stimmt der Winkel, bin ich ganz auf dem Bild? Beleuchtung passt? Nicht zu viele störende Hintergrundgeräusche? Super, dann kann es ja los gehen. Also Record-Button gedrückt und den spontanen Heulkrampf ganz authentisch für die Followerschaft festgehalten.

Der Drama-Bogen ist bis zum Bersten gespannt? Gut, dann kann das raus. So bleibt beim geschätzten Klickvieh die Halsschlagader immer schön prall gefüllt, und den Emotionen wird in den Kommentaren Luft verschafft. — Ob aus Ergriffenheit, oder weil der Bullshit als solcher erkannt wird. Das wiederum liebt der Algorithmus und pusht das Drama auch noch dem letzten Deppen, der bei #homeiswhereyouparkit noch nicht auf dem Baum war.

KI-Hinweis: Text von Mensch, Titelbild von KI.


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