Hinter Khorog geht es stetig bergauf. Der Straßenbelag ist von strengen Wintern gezeichnet. Aber noch komme ich gut voran. Khorog liegt auf 2.000 Metern über dem Meeresspiegel, die Pamir-Hochebene auf knapp 4.000 Metern. Man könnte die Strecke von Khorog bis hoch aufs Plateau an einem einzigen Tag fahren. Aber ich möchte — so viel Zeit muss sein — meinem Körper ausreichend Gelegenheit geben, sich an die Höhe zu gewöhnen. Was habe ich schließlich von der tollen Landschaft, wenn mir dabei der Schädel brummt. Vor der Reise habe ich ausführlich recherchiert: Mediziner raten, nicht mehr als 300 bis 500 Meter über dem letzten Übernachtungsplatz zu schlafen. Dazwischen darf es auch mal etwas höher gehen. Dazu viel trinken, mehr, als man Durst hat. Also übernachte ich auf 3.000, 3.400, 3.700 Metern. Wasserflasche immer in Griffweite.

Schlaglöcher und Schwefelbäder
In Jelondy, kurz vor meiner letzten Akklimatisierungs-Pause, besuche ich eine der zahlreichen heißen Quellen im Pamir. Zunächst bin ich etwas verwundert: Dort, wo die Quelle in der Overlander-App eingezeichnet ist, finde ich: Ein Wohnhaus. Ich klopfe, vielleicht kann mir ja jemand weiter helfen. Ein Mann öffnet die Tür und bittet mich herein. Die Quelle sei hier. — Wie, hier? Er führt mich durchs Wohnzimmer in einen Nebenraum. Mir steigt heißer, leicht schwefeliger Dampf entgegen. Die haben die Thermalquelle einfach in ihr Haus integriert! Ich brause mich kurz mit dem heißen Wasser ab, dann steige ich in den Pool. Das Wasser ist unglaublich heiß, gerade noch aushaltbar. Nach ein paar Minuten trockne ich mich ab und will mich verabschieden. Als ich frage, was ich für den Badespaß schuldig bin, winkt der Mann ab. Obendrein werde ich noch zum Kaffee mit Süßkram eingeladen. Wahrscheinlich weiß der Gastgeber, was ein Bad in heißem Wasser in Kombination mit 3.600 Metern Höhe mit einem ungeübten Kreislauf anstellen kann. Mit reiner Haut und gut gelockert fahre ich nur wenige Kilometer weiter bis zu meinem Übernachtungsplatz.

Ein paar Kilometer hinter Jelondy beginnt das wahrscheinlich fieseste Stück des Pamir Highway: Der Koitezek Pass. Er führt auf die Pamir-Hochebene. Zunächst ist die Schotterpiste gut fahrbar. Bald aber werden die Schlaglöcher tiefer, das Geröll gröber und ab und zu ragen auch größere Felsspitzen aus der Piste. Immer wieder zweigen wilde Parallel-Tracks von der Hauptpiste ab. Manchmal sind sie deutlich besser, manchmal schlechter. Manchmal enden sie unvermittelt an einer eingestürzten Brücke. Außer mir unterwegs sind hier hauptsächlich LKWs, darunter viele Autotransporter, die hochmoderne Elektroautos aus China in Richtung Dushanbe schaffen. Irgendwie ein groteskes Bild auf einer Wellblechpiste mitten in dieser abgelegenen Marslandschaft. Die Zukunft macht auch vor Tadschikistan nicht halt.

Abenteuerliche Pisten, nicht nur für Offroader
Auf dem 4.300 Meter hohen Pass lege ich eine Teepause ein. In der Ferne strahlt mir ein riesiger Gletscher entgegen. Ich kann mich gar nicht satt sehen. Immer wieder huschen goldbraune Murmeltiere über die Geröllwüste oder lugen aus ihren Bauten. In Schritttempo kommt ein alter Renault 5 Kastenwagen angerumpelt. Ich erkenne ein spanisches Kennzeichen. Drin sitzt eine sechsköpfige Familie, sie halten für einen kurzen Weltenbummler-Schnack ein. Mit ihrer Kiste haben sie hier oben den Spaß ihres Lebens. Ich predige es ja immer wieder: Man braucht wirklich, wirklich kein hochgerüstetes Gefährt im Wert einer Eigentumswohnung, um die Welt zu erleben und auch in solche abgelegenen Gegenden zu kommen. Statt auf ein tolles Overland-Mobil zu sparen, lieber: Los fahren!

Nach drei Stunden fieser Rüttelei kommt mir eine Karawane Planierraupen entgegen, kurz darauf endet das Wellblech und eine asphaltierte Straße beginnt. Viel habe ich nicht davon: Ich biege kurz darauf in Richtung Bulunkul ab, einem See am Kältepol von Zentralasien. Der Rekord hier liegt bei Minus 63 Grad! Aber nicht jetzt Ende August, heute brät die Sonne. Der feine Staub zwingt mich zu geschlossenen Fenstern, die dünne Höhenluft dazu, die Klimaanlage auszulassen, um Motor und Kühlsystem möglichst wenig zu belasten. Ich hätte nicht gedacht, im Hochgebirge so ins Schwitzen zu kommen. Hinter dem Bulunkul-See führt eine Piste durch eine außerirdisch wirkende Landschaft. Der Boden mit einer salzig-schwefeligen Kruste überzogen, im Tal ein Fluss umrahmt von leuchtenden Grün, die Hügel schimmern in schichtenweisen Rottönen. Auf der Karte ist ein Geysir eingezeichnet. Den muss ich selbstverständlich sehen, einen Geysir live und in Farbe habe ich noch nie erlebt.
Marslandschaft und die Kraft aus dem Erdinneren

Der Geysir entpuppt sich als Miniatur-Ausgabe: Aus einem Baby-Planschbecken-großen Pool brodelt aus einem Metallrohr alle paar Sekunden unter Rülpsgeräuschen eine kniehohe Fontäne. Irgendwie süß. Und noch mal: Die Farben hier! Die späte Nachmittagssonne macht alles noch mal spektakulärer. Der Schwefelgeruch ist aber doch etwas arg, also entscheide ich mich gegen eine Übernachtung neben dem geothermalen Springbrunnen. Nach ein paar Kilometern um den Hügel herum gelange ich wieder auf die Pamir Highway. Im Dorf Alichur entscheide ich: Genug für heute. Etwas oberhalb des Orts schlage ich mein Nachtlager auf.

Mir geht es erfreulich gut in der Höhe. Abgesehen vom schneller aus-der-Puste-Kommen habe ich keine weiteren Symptome. Ich schlafe mittlerweile sogar wieder richtig tief. Aber wie steht es um den Honda? Es ist ein kalter Morgen auf 4.000 Metern Höhe. Ich habe mehrere YouTube Reiseberichte gesehen, in denen Overlander die Motoren ihrer Reisemobile teilweise minutenlang durchorgeln und mit Starthilfespray bearbeiten mussten, bis sie endlich ansprangen. Der Honda dagegen: Ein kurzer Dreh am Zündschlüssel und er schnurrt, als wäre nichts gewesen. Mit einem alten Benzinmotor ist man hier oben besser dran, als mit einem modernen Diesel.
Shoppen in Containern
Weiter geht es in Richtung Norden. Bald taucht Murgab am Horizont auf. Die Stadt ist der Dreh- und Angelpunkt der Pamir-Hochebene. Die Menschen auf den Straßen sind mehr oder weniger vermummt, um sich vor der sengenden Höhensonne zu schützen. An einer antiken Tankstelle mache ich den Tank mit 92 Oktan-Plörre voll. Dann zur Attraktion Murgabs: Dem Container-Markt. Da das Leben hier auch im Winter bei eisigen Temperaturen stattfindet, gibt es keine Marktstände unter Markisen, sondern Händler in ausrangierten Übersee- und Schutzraum-Containern. Bis auf Wasser und Brot brauche ich eigentlich nichts, aber eine Runde über den Markt drehe ich trotzdem. Die wirklich wichtigen Sachen gibt es zu kaufen: Lebensmittel, Autoersatzteile, Pokemon-Karten. Bevor ich weiter fahre, gehe ich noch in einem der Guesthouses gegen einen Obolus duschen. Natürlich nicht, ohne hinterher vom Betreiber auf einen Tee eingeladen zu werden. Wirklich schade, dass ich so wenig Zeit habe. Gerne hätte ich ein paar Tage in Murgab verbracht und die Atmosphäre des Orts aufgenommen.

Ich will heute kurz vor dem Ak Baital Pass übernachten, um morgen zum Sonnenaufgang die Passhöhe zu erreichen. Neben einer alten Karawanserei finde ich einen guten Ort für ein Nachtlager. In der Ferne grast eine Yak-Herde, auf der anderen Seite des Flusses steht der Grenzzaun zum Niemandsland zwischen Tadschikistan und China. Er begleitet mich schon seit einigen Kilometern.
Ein Höhepunkt, nicht nur auf der Bucketliste

Im Morgengrauen breche ich auf. Die Straße den Pass hoch ist längst nicht so fies, wie befürchtet. Nur der GPS-Höhenmesser zählt zügig hoch: 4.400, 4.500, 4.600. Auf dem Pass-Sattel zeigt er schließlich stolze 4.663 Meter über dem Meeresspiegel an. Der höchste Punkt des Pamir Highway und ein neuer persönlicher Höhenrekord! Die Sonne ist gerade aufgegangen und taucht die umliegenden Berge in ein warmes Morgenlicht. Ich brühe mir einen verspäteten Frühstückstee. Als ich auf dem Salz-verkrusteten Boden umher spaziere, legt sich der Wind. Eine unglaubliche Stille macht sich breit. Wirklich kein einziges Geräusch ist zu hören. Kein Wind, kein Gezwitscher, keine Autos. Nichts. Das und dieses Panorama. Dieser Pass ist mehr als eine Bucketlist-Attraktion, die man einfach abhakt. Es ist wirklich atemberaubend schön hier oben. Ich genieße die Atmoshphäre noch einige Zeit, dann mache ich mich an die Abfahrt. Hinter dem Pass tut sich zunächst die Wellblech-Hölle auf, dann, kurz vor dem Karakul-See, geht es wieder über guten Asphalt.

Im Karakul-See spiegeln sich die umliegenden Sechs- und Siebentausender. Noch so ein Ort, an dem ich gerne mehr Zeit verbracht hätte. Aber ich habe den Rückflug im Nacken. Jeder Tag eher, mit dem ich in Almaty ankomme, verschafft mir wichtige Zeit, um Dinge rund um die Einlagerung zu regeln, und den Honda davor noch mal gründlich durchchecken und reparieren zu lassen. Also fahre ich schon nach einer kurzen Pause weiter bis zur kirgisischen Grenze.
In Serpentinen durchs Niemandsland

Wenig später stehe ich vor dem tadschikischen Grenzposten. Die Bürokratie ist fix erledigt: Etwas Papierkram im Grenzhaus, meine Daten werden in ein dickes Buch eingetragen. Dann noch eine Fahrzeugkontrolle (natürlich mit ausführlicher Dachzelt-Inspektion), eine weitere Papierkontrolle in einem Container-Büro und ich darf weiter. Ein paar hundert Meter weiter stehe ich auf der Passhöhe des 4.300 Meter hohen Kyzyl Art Pass. Bis zur kirgisischen Grenzstation geht es jetzt erst mal einige Kilometer bergab durchs Niemandsland. Über den Kyzyl Art Pass sind, wie über eigentlich jeden Abschnitt des Pamir Highway, diverse Horrorstorys im Umlauf: Die Straße durchs Niemandsland würde von keiner der beiden Seiten instand gehalten, der Zustand sei schrecklich, heißt es, hohe Bodenfreiheit sei unbedingt erforderlich. — Nun ja. Mittlerweile habe ich eine gesunde Skepsis gegenüber solcher Overlander-online-Dramatik entwickelt. Die Piste stellt sich dann als durchaus rumpelig heraus, aber — besonders jetzt im Spätsommer, es ist komplett trocken — verlangt sie dem kleinen Honda nur ein müdes Lächeln ab.
Bye bye Pamir, bye bye Zentralasien
Die kirgisische Grenzstation könnte unterschiedlicher zur tadschikischen nicht sein: Ich werde in einen blitzeblank sauberen Schalterraum geführt, es werden elektronische Gesichtsfotos gemacht, dann soll ich per QR-Scan eine Seite der Einwanderungsbehörde öffnen und dort ein Formular ausfüllen. Nach fünf Minuten bekomme ich das Importdokument fürs Auto und einen Stempel in den Pass.

Schon kurz hinter der Grenze werden die Kontraste deutlich: Nicht nur ist die Straße bald topfeben und fast ohne Schlaglöcher, in Kirgistan scheint das Leben förmlich zu explodieren: Pferdeherden galoppieren über die weite Landschaft. Hirten treiben Schafe, Esel, Kühe und Ziegen die Straßen entlang. Nach den Tagen im kargen Gebirge fühlt es sich ein bisschen an, als wäre ich vom Mars auf die Erde zurück gekehrt.
In den nächsten Tagen geht es für mich nun quer durch Kirgistan bis nach Almaty in Kasachstan. Ich hoffe, dass wir im nächsten Jahr unsere Pläne für den hohen Pamir nachholen können. Kurz ausgescoutet habe ich die Gegend jetzt. Das ist schon mal gut. Denn es ist eine dieser Teile der Welt, die sich einem nicht sofort erschließen. Man muss sich erst mal zurecht finden. Der Pamir ist jedenfalls ganz sicher ein Ort, der Stoff für mehrere Reisen bereit hält.
Letzter Teil: In Rufweite zu Afghanistan: Auf dem Pamir Highway durch das Panj-Tal


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