Serious Overlanders

Roadtrip-Charaktere: Der ernsthafte Overlander

In dieser Reihe porträtiere ich nicht ganz ernst gemeint verschiedene Charaktere, die einem immer wieder unterkommen beim Reisen, oder, wenn man sich im Internet dazu inspirieren lässt.

Was ist das eigentlich, ein Overlander? Im Internet schwirren verschiedene Definitionen herum: Mal ist jemand gemeint, der lange, weite Reisen über Land unternimmt, manchmal jemand, der Geländewagen fährt und dabei bisschen campt. Und alles Mögliche dazwischen. Hier soll es um den ernsthaften Overlander gehen, also den, für den das Hobby Teil seiner Identität ist, und der das Thema ganz speziell interpretiert. Und der dabei natürlich den Anspruch hat, die einzig wahre Definition des Begriffs zu kennen. Auf sozialen Medien ist er meist auf den ersten Blick zu erkennen am Profilnamen in Anlehnung an sein Fortbewegungsmittel der Wahl: klausimog, pajero_paul, kat.kevin. Wobei wir direkt bei der Motivation wären: Seine Welt rotiert nämlich einzig um sein Fahrzeug. Er behauptet gerne stolz, sich das Mobil angeschafft zu haben, um damit an die entlegensten Orte der Welt zu kommen. Insgeheim ist es aber meist genau anders herum: Der ernsthafte Overlander reist, um seinem Auto eine Daseinsberechtigung zu schaffen.

Aber bitte: Auto? Fahrzeug? Nein. Expeditionsmobil, so viel Zeit muss sein. Dazu muss man wissen, dass der Begriff „Expedition“ über die Jahrhunderte dehnbar geworden ist. Früher hatten Expeditionen mal etwas mit Wissenschaft, Gefahr und unkartierten Kontinenten zu tun. Heute wähnt sich Klaus-Dieter im besten Alter auf Expedition, wenn er mit seinem Wohnpanzer irgendwo durch die Botanik pflügt. Immer auf der Suche nach den einsamen Orten, an die sonst keiner kommt. Um dann dort, am Ende des Offroad-Tracks, auf die ganzen anderen Overlander zu treffen, die auch dorthin gefahren sind, wo sonst keiner hinkommt. Überhaupt ist der ernsthafte Overlander ein Herdentier. Man fährt gern im Konvoi; das ist einfach sicherer in der Ferne. Außerdem, so viel Exotik, dass man auch noch mit den Menschen vor Ort zu tun haben müsste, muss es dann doch nicht sein, wir wollen es ja nicht übertreiben.

Nicht nur dem Fahrzeug, sondern auch der mitgeführten Ausrüstung muss ein Sinn gegeben werden. Wie zum Beispiel dem obligatorischen Grillequipment, das jedes Steakhaus alt aussehen lassen würde. Das beeindruckt die anderen mittelalten Typen gleichgesinnten Abenteurer! So bleiben die ernsthaften Overlander abends unter sich, grillen und parken ihre Ungetüme dabei im Kreis als schützende Festung. Was sprechen die hier eigentlich? Kangrilesisch? Ach, egal, die Bratwurst ist fertig.

Fremde Länder und beeindruckende Landschaften sind für den ernsthaften Overlander vor allem eins: Kulisse, um sich und sein Mobil vor dem breiten Internet-Publikum heldenhaft in Szene zu setzen. Weil er dort ausleben kann, was ihm zu Hause aus gutem Grund verwehrt ist. Expeditionsmobil im Sand. Expeditionsmobil im Schnee. Expeditionsmobil im Schlamm. Expeditionsmobil durchs Flussbett. Expeditionsmobil querfeldein. Dazu wird dann gerne irgendwas von wegen „artgerechte Haltung“ gefaselt, so, als sei das Allradmonster, das gerade den Permafrost zersägt, ein süßes Schoßhündchen.

Für weniger hochgerüstete Reisende hat der ernsthafte Overlander stets ein paar Worte der Weisheit übrig. Dass er mit seinem Earthblaster 3000 diese Piste natürlich fahren konnte. Aber du, mit deiner Kiste, nee, bleib mal besser auf der Schnellstraße. Und überhaupt. Ohne Höherlegung, Sperren und Wasser für mindestens zwei Wochen, was machst du da überhaupt außerhalb von Mitteleuropa? Herrjeh, montier doch wenigstens mal eine Winde. Oder er schwärmt dir von Kappadokien vor. — Das er erst dank der passenden Ausrüstung so richtig genießen konnte. Vielleicht schaffst du es auch mal bis dort hin — also zum Traum-Abenteuermobil, und dann vielleicht irgendwann nach Kappadokien. Oh danke, Meister der Reisenden, wenn ich groß bin, werde ich auch Overlander!

Aber warum überhaupt in die Ferne schweifen: Lieber noch als die Atacama oder der Ural werden heimische Overlander-Meetups exploriert. Stilecht wird zum zweitägigen Treffen auf dem Campingplatz Schlagmichtothausen die komplette Survival-Tracht (Lederhut, taktische Weste, Presswurstoutdoorhose) aufgetragen. Hier glänzt der ernsthafte Overlander in seiner Paradedisziplin: dem Vehikel-Größenvergleich. Dann geht es ganz viel um die stärkste Winde, die beste Satellitenantenne und die neueste Verbrennertoilette. Und ganz wenig um die Schönheit der Welt.

KI-Hinweis: Text von Mensch, Titelbild von KI.


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