Endlich, nach einem Jahr Vorbereitung, geht es los. Ich setze die junge Copilotin noch bei der großen Copilotin ab und mache mich durch den Berliner Feierabendverkehr auf den weiten Weg Richtung Osten. Die erste Nacht verbringe ich an einem Angelteich auf halbem Weg nach Warschau. Morgen soll es weiter gehen bis an die litauische Grenze zu Belarus. Nach einiger Recherche zu den diversen Grenzen im Baltikum (und vielen Horror-Stories von Reisenden, die teilweise mehrere Tage für den Grenzübertritt aus der EU nach Russland brauchten) entschied ich mich, von Litauen zuerst nach Belarus und dann von dort nach Russland einzureisen. Eine für Touristen noch recht neue Variante, bei der bereits bei der Einreise nach Belarus der größte Teil der für Russland notwendigen Einreiseformalitäten erledigt wird.
Tags darauf rolle ich nach dem ersten langen Fahrtag auf eine Stovyklavietė im äußersten Südostzipfel Litauens. Dort treffe ich mich mit einem Overlander-Freund, Robert, der gerade aus der anderen Richtung aus Russland kommt und mir noch ein paar Infos mit auf den Weg geben will. Der Zeltplatz liegt in einer fast-Exklave Litauens in Belarus (die angeblich entstand, als Stalin seine Pfeife auf einer Landkarte liegen ließ). Auf dem Weg dorthin wurden wir, wohl wegen der prekären geographischen Lage, an einem Polizeicheckpoint kontrolliert und mussten erklären, was wir ausgerechnet in dieser Ecke der Welt vorhaben. Wir lassen den Tag bei gutem Essen, einigen Bieren und viel Reisegarn ausklingen.

Der nächste Morgen. Mit etwas mulmigem Gefühl im Bauch rolle ich um halb sechs an die Grenze Šalčininkai. Wie lange werde ich hier wohl festhängen? Nehmen sie mir das Auto auseinander? Werden sie mich, wie es teilweise berichtet wird, ins Hinterzimmer bitten, und dort stundenlang zu heiklen politischen Themen vernehmen?
Das frühe Aufstehen lohnt sich: Vor der Grenze ist keine Warteschlange. Die litauische Grenzerin winkt mich direkt weiter. Dann die erste Schlange, fünf Autos vor dem ersten belarussischen Checkpoint. Vor mir wartet ein alter Mann in einem ziemlich fertigen Passat. Er erzählt mir mit Händen und Füßen, wie günstig sowohl Benzin als auch Schnaps in Weißrussland sind. Er deutet mir mit Fingerzeig auf seine Tankuhr, die bereits unter dem roten Strich steht, und gestikuliert, dass er wohl beides aufzutanken gedenkt. Na dann wohl bekomm’s.
Ich bin an der Reihe. Ein junger Soldat spricht mich auf russisch an. Ich: „Ne pane maju“ (nix verstehen). – Er: „Plocha.“ Ich zucke mit den Schultern, der Soldat muss schmunzeln. Also: Einmal den Kofferraum öffnen, und das Ding da auf dem Autodach. Interessiert begutachtet er das Dachzelt von innen. Alles gut, dawai.
100 Meter weiter, die nächste Kontrolle. Diesmal mit etwas mehr Betrieb. Bitte Türen und Kofferraum öffnen. Und der Blick ins Dachzelt darf nicht fehlen. Ich lasse es direkt mal offen. Dann Anstehen vor dem Zoll. Während der Wartezeit besorge ich schon mal im Kabuff neben dem Checkpoint eine Autoversicherung für Belarus und bezahle an einem Automaten noch irgendeine Gebühr (Straßensteuer? Desinfektion?).
Dann in die Passkontroll-Schlange stellen. Ein grimmig dreinblickender Beamter hinter dem Fenster nimmt meinen Pass entgegen. Er weiß zunächst nicht so richtig wohin mit mir und dem russischen Visum in meinem Pass. Erst seit Anfang des Jahres ist Touristen eine Weiterreise von Belarus nach Russland erlaubt, wobei das russische Visum auch für Belarus gilt. Offenbar scheint es nicht jeden Tag vorzukommen, dass jemand zur Durchreise genau über diese Grenze möchte. Es wird viel telefoniert. Mein Pass wandert weiter an einen ergrauten, offensichtlich ranghohen Beamten mit großer Mütze und viel Dekoration auf den Schultern. Er verschwindet im Bürogebäude. Nach einiger Zeit taucht er wieder auf, mein russisches Visum wird gestempelt.

Nächste Station: Fahrzeugeinfuhr. Mir werden zwei Zollformulare gereicht, auf russisch. Zum Glück hängt am Kontrollhäuschen eine englische Übersetzung. Ich darf hinter der Kontrollstelle parken und alles in Ruhe ausfüllen. Ich reiche meine Dokumente im entsprechenden Kontrollfenster ein. Der graue Vorgesetzte von eben kommt dazu und entschuldigt sich, dass heute alles etwas dauert. Er weist mir eine junge Kollegin zu, sie ist die einzige, die hier zumindest etwas Englisch spricht. Von ihr ein paar Fragen, was ich so transportiere, dann soll ich das Auto einmal ausräumen. Gewissenhaft gehen wir alle Kisten, Koffer und Taschen durch. Ein Blick ins Dachzelt muss natürlich auch sein. Nun, da das Auto leer ist, soll ich noch zur Röntgen-Kontrolle. Ein Mitarbeiter steigt zu mir ins Auto und dirigiert mich an eine Ecke des Geländes, in der eine Rampe neben einem LKW steht. Da soll ich drauf. Nun bitte aussteigen und 50 Meter weit gehen, hinter die Linie auf dem Boden (Nur 49 Meter, und ich würde schlimm verstrahlt. Aber hier hinter der Linie bin ich sicher). Der Röntgen-Meister steigt in den LKW und fährt einmal das Röntgengerät, das an dem Lastwagen als eine Art fahrende Brücke befestigt ist, unter lautem Gepiepe über das Auto. Seine Kollegen und er schauen auf einen Bildschirm, sie haben nichts zu beanstanden. Aber halt, in das Dachzelt wollen sie doch bitte nochmal mit eigenen Augen sehen. Ich darf zurück zur jungen Grenzerin, die über meine ausgeladenen Sachen wacht, und wieder alles einräumen. Ich bekomme das Importdokument fürs Auto und darf zur nächsten Station. Die ist eine einfache Desinfektions-Dusche zum Durchfahren. Eine letzte Schranke, Pass vorzeigen und ich bin in Weißrussland! Etwa sechs Stunden hat alles gedauert. Ich denke, damit kann man zufrieden sein.

Ich fahre noch ein paar Stunden lang Richtung Osten. Die weißrussische Autobahn ist in gutem Zustand, der Verkehr entspannt. Viel weites Land. Eigentlich ist laut Internet Wildcampen in Belarus erlaubt. Aber irgendwie finde ich den Gedanken schön, in einem für mich neuen Land mit ein paar Leuten in Kontakt zu kommen. Ich fahre einen der wenigen Campingplätze an. Der stellt sich als Glücksgriff heraus: Der Platz ist eine malerische Streuobstwiese mit ein paar Bänken und Toiletten.

Überraschenderweise bin ich nicht der einzige hier mit Dachzelt: Eine Familie aus Russland dachzeltet mit ihrem Bulli an der an der anderen Ecke. Wir kommen ins Gespräch. Die Familie kommt aus Archangelsk, einer Stadt an der Polarmeerküste. Sie sind in den Sommerferien hier „im Süden“ unterwegs. Sie schenken mir eine Packung bunter russischer Gelee-Süßigkeiten. Sie soll sich später auf unserer Reise noch als wichtige Nervennahrung erweisen.


Antworte auf den Kommentar von Julia Antwort abbrechen