Die kasachische Grenze von Russland kommend hat einen lockeren, zentralasiatischen Vibe. Vor mir in der Schlange vorm Schlagbaum Nummernschilder aus so ziemlich allen Stans. Als ich an der Reihe bin, führt man mich zunächst wieder in ein Hinterzimmer. Der dort sitzende Beamte hat augenscheinlich keinen Bock auf Verhöre und winkt mich weiter. Ich bekomme meine Stempel und schon bin ich in Kasachstan!

Die erste Stadt hinter der Grenze ist Aqtobe. Jetzt bin ich in Zentralasien angekommen: Es gibt einen zentralen Basar-Platz mit diversen Läden und Imbissen. Viel Gehupe und geschäftiges Treiben. Ich gönne mir ein Mittagessen in einer der Kantinen. Man kann am Tresen zwischen diversen Hauptspeisen und Beilagen wählen. Als Getränke stehen verschiedene Kräuter- und Obstmischungen in Gläsern zur Auswahl, die man an einem Heißwasserspender aufbrüht. Ich nehme Kohlrouladen mit Kartoffelpüree und einen Orangen-Minztee. Köstlich! Mit vollem Bauch beschließe ich, dass es für heute reicht, und suche mir eine Bleibe. 16 Jahre nach meiner ersten Reise nach Zentralasien habe ich völlig vergessen, dass man sich das hier mit Hotelzimmern besser zweimal überlegt. Die meisten Hotels sind nämlich nicht nur mit ihrer Ausstattung, sondern auch mit dem Verständnis von Dienstleistung irgendwo in der Sowjetunion hängen geblieben. Private Guesthouses sind meist die bessere Wahl. Aber egal, ich bin platt vom Fahren und der Hitze; da ist die abgeranzte Absteige gut genug. Immerhin gibt es eine laut rumpelne, aber funktionstüchtige Klimaanlage und keine Bettwanzen.

Von hier geht es weiter nach Südosten bis zu dem, was vom Aralsee noch übrig ist. Vor dem ersten Stück bis zum Örtchen Qarabutaq wird viel gewarnt; die Straße sei grauenhaft. Tatsächlich ist es eine ziemliche Schlaglochpiste, wenn auch sicher nicht die schlimmste in Zentralasien. Tückisch aber: Immer wieder mal gibt es ein paar hundert Meter lang richtig guten Asphalt. Man wähnt sich schnell in falscher Sicherheit und gibt Gas. Und dann taucht, wie aus dem Nichts, die Mutter aller Schlaglöcher auf. Ein paarmal schlägt die Federung mit einem hässlichen Krachen durch. Gut, wieder etwas gelernt: Traue niemals einem guten Stück Straße.

Hinter Qarabutag biegt die Straße nach Süden, die Schlaglöcher haben erst mal ein Ende. Die Steppe wird streckenweise zur Wüste. Sogar richtige Sanddünen tauchen irgendwann auf. Und Tatsache: Irgendwann sehe ich das erste Kamel wiederkäuend am Straßenrand stehen. Die Kamele hier sind massiver und zotteliger als die in Afrika. Man nimmt ihnen sofort ab, dass sie eisigen Wintern trotzen müssen.
Mein Nachtlager für heute schlage ich ein paar Offroad-Kilometer abseits der Straße am Rand eines Meteoritenkraters auf. Wenn sich der Wind legt, herrscht hier eine unglaubliche Stille. Und es duftet: Das Gestrüpp, dass hier überall wächst, stellt sich als wilder Thymian heraus!

Der nächste Tag, einige Kilometer weiter südlich. Aral ist ein dystopischer Ort. Eine Hafenstadt ohne Wasser. Docks mit Ladekränen, die auf dem Trockenen mitten in der Landschaft stehen. Vom einst viertgrößten See der Welt sind hier nur noch ein paar Tümpel inmitten einer Salzwüste übrig. Um den Hunger der Sowjetunion nach Baumwolle zu stillen, wurden die Zuflüsse zur Bewässerung von Feldern abgezweigt. Irgendwann waren die Folgen nicht mehr umkehrbar. Ein stechend modriger Geruch liegt über allem. Die gleißende Sonne brät unerbittlich, dazu pfeift ein staubiger Wind. Die berühmten Schiffswracks wurden mittlerweile weggeräumt. Was bleibt, ist eine Kleinstadt in Endzeitstimmung. Man sieht fast keine Menschen, nur ab und zu huschen vermummte Gestalten durch die Straßen. Oft trifft man an diesen uneinladenden Orten ja die herzlichsten Leute. Diesen Orten muss man aber Zeit geben. Die habe ich jetzt auf Durchreise leider nicht. So halte ich mich hier nur kurz auf und fahre schnell weiter Richtung Osten.
Eigentlich wäre ich gerne auf kurzem Weg nach Usbekistan eingereist. Allerdings ist der einzige Grenzübergang im Westen des Landes wegen Umbauarbeiten geschlossen. So muss ich Usbekistan einmal nördlich der Länge nach umfahren bis kurz vor Taschkent, wo es noch offene Übergänge gibt. Ich verpasse zwar den Westen Usbekistans, komme aber dafür bei einem ganz anderen Highlight vorbei: Dem Weltraumbahnhof Bajkonur. Hier wurden der erste Satellit Sputnik, Weltraumhündin Laika und später der erste Mensch, Juri Gagarin, in die Umlaufbahn geschossen. Der Weltraumbahnhof ist heute noch in Betrieb. Leider ist ein Besuch auf dem von Russland betriebenen Gelände nur gegen absurd hohe Eintrittspreise und mit einer Vorlaufzeit von mehreren Monaten organisierbar. Trotzdem lohnt sich der Abstecher: Vor dem Checkpoint an der Zufahrt gibt es eine kleine Ausstellung mit Nachbauten von Sputnik, Proton-Raketen und anderen Weltraumvehikeln. Zwischen den Raketen- und Satellitenmodellen chillen ein paar Streuner. Ob das wohl Laikas Urururururenkel sind? Ungeachtet ihres familiären Hintergrunds gebe ich den Hunden etwas von dem Trockenfutter, das ich für meine hundeverrückte junge Copilotin mit an Bord habe.
In der Stellplatz-App ist in der Nähe ein kleiner Hügel inmitten der flachen Steppe eingezeichnet, von dem man eine grandiose Aussicht auf Raketenstarts haben soll. Neben dem Hügel stelle ich mich für die Nacht ab. Leider ist kein Start für heute geplant. Trotzdem ist der Blick auf die riesigen, senkrecht in den Himmel gerichteten Parabolantennen des Kommandozentrums ein Erlebnis. Beziehungsweise die Tatsache, dass man hier einfach so campen kann. Kein Hochsicherheitsbereich, kein Stacheldraht, keine Patrouillen. Der Ort wird auf jeden Fall in meine persönliche Stellplatz-Top Ten eingehen. Nach einem Bilderbuch-Sonnenuntergang über der Steppe tut sich ein beeindruckender Blick auf die Milchstraße auf. Hier ist man den Sternen wirklich ganz nah.


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